Spuktober’16: Das Finale (Seance On A Wet Afternoon, Let’s Scare Jessica To Death, The Crazies)

Nun also der abschließende Spuktober’16-Blogbeitrag, auf den letzten Drücker abgeliefert zu Novemberbeginn. Er beschäftigt sich mit einem für wohl jeden Film wichtigen Thema: mit der Erzählperspektive.

Die Protagonisten der

„Seance On A Wet Afternoon“ (Bryan Forbes, 1964)

sind hier gleichzeitig unsere Bezugspersonen. Zu keinem Zeitpunkt wissen wir mehr als das kinderlose Ehepaar Savage. (Mit Ausnahme einiger sekundenlangen Einstellungen während der Lösegeldübergabe, als man uns die undercover agierenden Beamten zeigt.)

Und die Savages sind, apropos Lösegeld, die Schurken: sie halten nicht nur betrügerische Seancen ab, sondern entführen ein Mädchen und erpressen die Eltern, hegen eigennützige Absichten. Sie haben Skrupel, aber setzen ihren einmal gefassten Plan so gut es eben geht in die Tat um.

Sicherlich nicht nur mein Stellvertreter im Film ist der von Richard Attenborough gespielte Bill Savage, der nach kurzem Zögern alle geplanten Schritte unternimmt. Hier spielt „Seance On A Wet Afternoon“ das Publikum gegen sich selbst aus: Erziehung und Moral gegen den Thrill eines spannenden Filmerlebnisses. Wo Bill nur zögert, würden wir es uns vermutlich anders überlegen.

(Inwiefern sich jemand in seine Frau hineinversetzen kann, hängt wohl von persönlichen Erlebnissen bzw. Traumata ab. Mir war sie als Filmfigur verständlich, aber würde ich ihre Manie „in echt“ unterstützen, so wie es der co-abhängige Bill tat? Hoffentlich nicht.)

Übrigens ist „Seance On A Wet Afternoon“ kein Horror- oder auch nur Gruselfilm trotzdem der Titel dies vermuten lässt und dieser Film von Stephen King empfohlen wurde.

Es ist ein klassischer Thriller in schönen Schwarzweißbildern und mit hervorragenden Darstellern. Er zeigt, teils spannungsgeladen-quälend minutiös, aus Tätersicht den Verlauf eines Entführungsfalles.

„Let’s Scare Jessica To Death“ (John Hancock, 1971)

wiederum mischt mindestens zwei Erzählperspektiven.

Zum einen ist da die der offenbar schizophrenen Jessica: wir hören ihre innere/n Stimme/n und vertrauen darum ihrer Außenwahrnehmung nie völlig – obwohl sich die Echtheit stets zu bestätigen scheint.

(Spoiler: Mag sein, dass dieser Film ein Vorbild für „Salem’s Lot“ ist, denn er biegt in eine Richtung ab, die ich zwar ahnte aber zuerst nicht glaubte.)

Jessica weiß um ihre Verfassung und kann (anfangs noch) dagegen ankämpfen. Sie war in einer Einrichtung und nun versucht sie, abseits der großen Städte ein neues Leben zu beginnen mit ihrem Mann und einem Bekannten. Als sie im frisch erstandenen Haus nahe einer Kleinstadt eine weitere Aussteigerin antreffen, beginnt ihr fragiler Weltentwurf zu bröckeln.

Um unsere Erwartungshaltung zu unterlaufen, dass Jessica wirklich nur Stimmen hört und ’sich Dinge einbildet‘, lässt der Regisseur nicht nur sie zu Wort und Bild kommen, sondern rundet die Story durch sozusagen allwissende Szenen ab, die sich in Jessicas Abwesenheit abspielen.

Mit dem Ergebnis, dass wir allmählich der unzuverlässigen Erzählerin/Protagonistin mehr vertrauen als ihrem Umfeld. Sie mag Stimmen hören und sich Dinge einbilden, ja, aber die Realität übertrifft ihre Schizophrenie.

Der Katastrophenfilm

„The Crazies“ (George A. Romero, 1973)

zu guter Letzt macht uns zu Katastrophenfilm-typischen allwissenden Beobachtern.

Oder doch zumindest versetzt er uns in die Lage, uns ungefähr ein Bild der gesamten Situation machen zu können: ein neuartiger Virus ist ins Grundwassersystem gelangt und es könnte sein, dass schon bald eine Kleinstadt samt aller Einwohnenden mittels Atomschlag ausgebrannt werden müssen.

Wir dürfen mit etlichen Parteien mitfiebern, am ehesten mit dem leitenden Armeemenschen sowie einer Gruppe aus der Quarantäne ausgebrochenen Anwohnern. Es gilt jedoch abzuwägen, ob wir wirklich mit den Flüchtigen mitfiebern sollten, denn die tragen ja das Virus in sich.

In Romeros Satire(?) besteht die Armee aus überlasteten, verärgert herumkommandierenden Befehlshabern und leichenfleddernden Fußtruppen in Schutzanzügen. Frustrierte, mit Material und Informationen unterversorgte Forscher fehlen ebensowenig. Alle müssen sich plötzlich flink bewegen und spüren ihre Befehlsketten.

Die Bevölkerung wiederum ist entweder vom Virus irre geworden – und benimmt sich eigentlich nicht viel anders, als man das von ihr kennt. Oder aber sie leistet in kleinen Grüppchen Widerstand, denn niemand vertraut einem Militär, dessen gesichtslos-gasmaskierte Fußtruppen Flüchtige niederschießen und Leichen fleddern.

Im Quarantänelager geht offensichtlich ebenfalls vor allem aufgrund der Militärpräsenz wild zu. Hier wüten keine Ragevirus-verseuchten Quasizombies wie in unkomplexeren Filmen ähnlicher Bauart, jede_r Erkrankte ist auf seine Weise verrückt.

Der Film endet mit einem Nurbeinahe-Happyend, einem near-miss. Das ist der Romero-Touch. (Er und John Russo schrieben etliche Varianten dieses leider allzumenschlichen Endzeitszenarios; alle sind sie zu empfehlen, z.B. „Return Of The Living Dead“.)

„The Crazies“, das sind sie alle. Wem gilt unsere Sympathie, in welchem Lager finden wir uns wieder?

Spuktober’16: Besessenheiten (WILLARD, A FIELD IN ENGLAND, POSSESSION)

Wieder drei Ausflüge an die Außengrenzen des Horrorgenres. So etwa ist

„Willard“ (Daniel Mann, 1971)

eben kein jamesherbert’scher Ekeltrip wie man es erwartet beim Lesen kurzer Plotsynopsen. Er ist ein Familiendrama mit Filmnoir-Lichtführung und reichlich dressierten Ratten.

Wäre „Willard“ eine wahre Geschichte, könnte sie genausogut eine „Dollop“-Episode sein, denn alle Elemente sind vorhanden:

Der einzelgängerische junge Mann namens Willard Stiles hat eine allzubesorgte, depressiv-narzisstische Mutter (»27 years ago tonight you were born in pain and suffering«), einen quälend-überfordernden Bürojob unter der Fuchtel des Ex-Geschäftspartners seines verstorbenen Vaters, und eine sanierungsbedürftige Stadtvilla mit Ratten im Garten.

Wird es ein Happy-end geben? Nein, natürlich nicht, für niemanden. Aber „Willard“ ist trotz Bleakness ein schöner, intelligenter, interessanter Film.

Komplett in die falsche Richtung gerieben hat mich hingegen

„A Field In England“ (Ben Wheatley, 2013)

und ich brach die Sichtung dieses zwar nicht langweiligen, so doch aber viel zu behäbig und bedeutungsschwer inszenierten Historienstreifens ab, bevor die eigentliche Trippigkeit begann. Die spulte ich dann zwar durch, um zu sehen, was ich verpassen würde, aber ihr Anblick hat mich nicht zu einer Zweitsichtung verlockt.

Er erzählt von einer Gruppe aus Soldaten und Söldnern und einem Hofastrologen, die auf dem titelgebenden Feld in England mit sich und mit dem Teufel konfrontiert werden – ein Kammerspiel unter freiem Himmel.

Vergleichbar ist „A Field In England“ wohl am ehesten mit „Valhalla Rising“, Winding-Refn’s „Aguirre“-Variation. Jedoch haben Letztere eben nicht das Look&Feel pointenarmer Sketche irgendeiner BBC-Comedyserie der frühen Nullerjahre.

Auch verschwendet „A Field In England“ die bildgestalterischen Möglichkeiten des Schwarzweißfilms. Alles ist Grau – wohl durch nachträgliches Abdrehen der Farbsättigung erreicht. Das mag irgendwie Teil des Konzeptes sein, aber ist verdammt langweilig anzuschauen.

Weder Figurenkonstellation noch Problemstellung interessieren mich und ich empfand, wie oben erwähnt, alles als missglückte Sketchcomedy oder als überambitionierten Studentenfilm. Kurzum: „A Field In England“ ward vorgespult und quergeschaut.

(Übrigens schlägt Ben Wheatley’s „High-Rise“-Umsetzung zwar dramaturgisch in die selbe Kerbe, aber ist dabei farbenfroh und hat spürbar mehr Budget und Setdesign; er trifft meinen Nerv bereits durch die Thematik besser.)

„Possession“ (Andrzej Żuławski, 1981)

ist eine sehrsehrfeine Parodie auf Eifersuchtsdramen, auch und vor allem weil sich hier alle Handelnden extrem überzogen benehmen inklusive des Kameramenschen. Zu keinem Zeitpunkt weiß man wirklich, was als Nächstes kommt, Bewegungen und Dialogstil wirken als hätten Außerirdische ihre Vorstellung menschlichen Verhaltens verfilmt.

Eine Berlintour zu den Locations böte sich an, leider fehlt inzwischen der symbolisch notwendige echte Todesstreifen. Wesensverwandter Film ist meiner Meinung nach Fassbinder’s im positivsten Sinne übertriebener „Satansbraten“.

Spuktober’16: All die verdammten Vampire (THE NIGHT STALKER, A RETURN TO SALEMS LOT)

Kein Horrorfilm-Marathon ohne Vampire. Es ist geradezu schockierend, wie wenige Vampirfilme es heuer auf meine Horrorfilmliste geschafft haben, nun ja…

In den beiden hier besprochenen Filmen geht es auch tatsächlich um die klassischen Vampire. Es sind keine pseudocoolen Mythos-Reboots in Lederoptik und mit Zeitlupen-Gefechten auf den Dächern des Biotechnologie-Großkonzerns von Dr. Acula.

Die Bedrohung in der von Richard Matheson geschriebenen Mischung aus Thriller und Horrorfilm

„The Night Stalker“ (John Llewelyn Moxey, 1972)

ist ein echter blutsaugender Karpatenfürst. Das ist dem Fotoreporter Carl Kolchak ziemlich zeitig klar und Kolchak vertritt diese Auffassung lautstark: Ein Vampir wie im Schauerroman ermordet in Las Vegas junge Frauen!

Alle lachen (und vertuschen gleichzeitig den Vampir-Aspekt der Morde). Kolchak macht sich unbeliebt bei den führenden Köpfen der Stadt und bleibt als gebrochener Mann zurück. Diese ungedankte Ehrlichkeit mag durchaus den Zeitgeist der frühen Siebzigerjahre widerspiegeln. Damit »die Bevölkerung nicht in Panik gerät« wird ein guter Mann kaputtgespielt.

Auch liefert „The Night Stalker“ einen für Horrorfilme klassischen nächtlichen Alleingang des Protagonisten durch die vermüllte Behausung des Mörders. Diese Sequenz, dieses Setpiece, ist eines der effektivsten des gesamten Films – wenn man akzeptiert, dass Kolchak alsbald Blutkonserven im Kühlschrank findet und sich (genrekonform) dennoch weiter umschaut.

Wie gesagt: Die Bausteine sind vorhanden, leider ist die Handlung zu wenig glaubwürdig und stets musste ich meine Frustration auf das recht ambitionslose Drehbuch stets bremsen. Der Story fehlt die Reichweite, dem Film das Geld. Wieso reist der Vampir nicht aus Las Vegas ab nach seiner Entdeckung, wieso ist Kolchak der einzige Nachforschende, wieso ist er Fotoreporter und kein regulärer?

(Die letzte Frage stellt sich vor allem angesichts von Kolchaks unterwältigendem Fotoequipment. Weegee hatte wenigstens noch einen ganzen Kofferraum voller Zubehör, Kolchak knippst herum.)

Und wenn schon Verschwörung, dann richtig! Alle hätten mit drinhängen sollen meiner vorschnellen Meinung nach. Vielleicht hätte sich Las Vegas als von Vampiren gegründet entpuppen sollen, mit dem serienmordenden Vampir als Gefahr für die Vampircommunity. „The Night Stalker“ hätte so viel mehr sein können.

Rückblickend weiß ich, dass ich auf zeitgenössische Actionhorror-Erzählstrukturen hereingefallen bin; auf die der „Blade“-Fortsetzungen mit ihren Familienbanden, Irrungen und Wirrungen, Grabenkämpfen und Plot-twists.

Es ist wohl auch viel realistischer, dass ‚die da oben‘ tatsächlich bloß alles dafür tun, damit »die Bevölkerung nicht in Panik gerät«. Ohne Hintergedanken. Ohne, dass der Täter ein Verwandter ist. Maximal noch auf die Zufriedenheit ihrer Wähler schielend, klar.

„A Return To Salem’s Lot“ (Larry Cohen, 1987)

bietet genau dieses Geflecht aus Familienbanden, Irrungen und Wirrungen, Grabenkämpfen und Plot-twists, ohne dabei den Vampirmythos allzusehr zu modifizieren. Die Vampire spiegeln sich und trinken hauptsächlich Kuhblut, ja, aber sie fürchten das Sonnenlicht und schlafen in Särgen. Und sie bevölkern eine Kleinstadt namens Jerusalem’s Lot, die tagsüber von ihren menschlichen Drohnen bewacht wird.

Eines der interessantesten ’neuen‘ Elemente in „A Return To Salem’s Lot“ ist für mich die Entscheidung, dass die Protagonisten zwei bis drei ziemlich unsympathische Menschen sind:

Ein Anthropologe (vorgestellt zu Filmbeginn als kaltherzig ein Menschenopfer dokumentierend), dann sein entfremdeter Sohn (rauchend, fluchend, große Fresse und als Teenager natürlich auch sonst unerträglich), und später hinzustoßend ein geheimnisvoller Fremder auf der Durchreise (zigarren- und szeneriekauend gespielt von Sam Fuller).

Es ist erfrischend, dass „A Return To Salem’s Lot“ die zB an „Cloverfield“ gestellte Frage, wer denn bitte in einer solchen Situation weiterfilmen würde anstatt davonzurennen, perfekt beantwortet mit der Entscheidung, dass die Hauptfigur ein herzlos scheinender Anthropologe ist.

Denn genau das ist auch der Gedankengang der Vampir-Community. Sie wünschen sich einen Stadtschreiber, einen Geschichtsschreiber, der ihnen sozusagen eine Bibel verfasst. Das Zeug dazu hat nicht jeder, er jedoch hat sich bereits einen Namen gemacht durch schonungslose Feldforschung.

Er ist aber, Pech für die Vampirkleinstädter, sogar zu abgebrüht, um deren Geschichtsbild nicht ebenfalls sofort als »bullshit, anti-human propaganda« zu durchschauen. Wie gut, dass rechtzeitig ein rüstiger Rentner in die Stadt kommt, als die Situation wirklich bedrohlich wird für Vater und Sohn.

Das Hauptmonster könnte besser umgesetzt sein, ansonsten gibt es nichts zu bemängeln. Und das finale Filmdrittel ist eines dieser finalen Filmdrittel, die man selbst gesehen haben muss, allein schon wegen Sam Fuller.

Spuktober ’16: spontane Selbstzweifel (Spontaneous Combustion, Tourist Trap, leider nicht Shakma)

Spuktober 2016 – bald endend und noch sind acht Filme ungesehen und unbesprochen. Es wird eng. Prokrastination und andere ‚persönliche Gründe‘ haben dem Projekt kostbare Herbsttage geraubt.

(Beispielsweise galt es, Adam Curtis‘ Videoessay „HyperNormalisation“ sowie Redlettermedia-Filmbesprechungen zu schauen, Podcasts wegzuhören, zu zeichnen und zu fotografieren usw. – Ganz abgesehen von familiärem Kram und überhaupt. Not to brag, but meine beiden Kinder hatten Herbstferien.)

Die Sinnfrage stellt sich bei solch einem Hobbyprojekt sowieso, sobald das anfangs ganz lustig gedachte Vorhaben zur Herausforderung gerät. Nichts muss, alles könnte. Schau lieber was Besseres! Geh wandern!

Inhaltlich ist der Spuktober ein Härtetest meiner schreiberischen Begabung: Habe ich das Zeug dazu, filmkritische Aussagen bei relativ gleichbleibenden persönlichen Vorlieben immer und immer wieder zu variieren?

Mir fällt es schwer, Werke sozusagen „für sich stehend“ zu betrachten. Sie werden abgeklopft auf Dagewesenes und Stimmigkeit. Genrefilmkritik ist auch oft genug Therapiesitzung; Reise in die Vergangenheit und Konfrontation mit eigenen Ängsten und Erlebnissen.

Genauso hängt für mich filmgeschichtlich alles zusammen: Regisseure zitieren einander und casten Schauspieler aufgrund deren Filmografie. Genauso bedingen Genrekonventionen den Handlungsverlauf beziehungsweise sie lassen Elemente verzeihen, die in anderem Kontext absurd wären.

Ob ein Film als Genrebeitrag erfolgreich ist, basiert auf seiner Fähigkeit, mich durch erschreckende Elemente zu triggern oder zumindest von unglaubwürdigen Situationen zu überzeugen. Originalität ja, aber nicht völlig auf Kosten der Logik.

Wenn ich mir also einen Streifen wie

Spontaneous Combustion (Tobe Hooper, 1990)

anschaue, so komme ich nicht umhin, dieses Filmerlebnis höhnisch zusammenzufassen mit der Bemerkung „Spontaneous Combustion“ sei Tobe Hooper’s shitty „Scanners“. Gleichzeitig mag ich Hooper’s Film über Spontane Selbstentzündung dann doch wieder sehr.

Denn „Spontaneous Combustion“ hat seine Qualitäten. Allen voran die harten praktischen Effekte und den Mut, den Körper der Hauptfigur zu zerstören. Dies ist eine der vielen Parallelen zu Cronenbergs Filmen, und abseits der Glaubwürdigkeit der dahinterstehenden ‚Wissenschaft‘ wirklich konsequent umgesetzt.

Mag sein, dass ich in naher Zukunft mal mich daran mache, Cronenberg-Filme am Stück in der richtigen Reihenfolge anzuschauen (und zu besprechen?), aber für dieses Mal muss die Kurzfassung reichen.

Es gibt hier zweifelhafte Forscher und üble Verschwörungen und einen biotechnologisch-qualvollen Schöpfungsmythos, inszeniert als Mischung aus Passionsspiel und Theaterstück. Tobe Hooper hat aus den erzählerischen Versatzstücken des großen Kanadiers eine leidlich perfekte Hommage zusammengebracht.

Dass die Elemente eben doch keinen echten Cronenbergfilm ergeben liegt an Tobe Hooper’s dramaturgisch fragwürdigen Entscheidungen. So zum Beispiel, einen gefühlt ellenlangen Prolog vor die eigentliche Handlung zu kleben anstatt es bei den (ebenso übermäßig vorhandenen) Rückblenden zu belassen.

Die Hauptcharaktere hören die selbe ‚übernatürlich angehauchte‘ Radiosendung, was für mich unglaubwürdiger ist als Feuer unter Wasser. Insgesamt ist der Film für mich dramaturgisch im schlechten Sinne ‚zu dichtgepackt‘: zu viele handlungsrelevante Zufälle in zu kurzer Zeit, anstatt wie in „Scanners“ wenige Grundideen bis zur letzten Konsequenz durchzuspielen.

Worum geht es in „Spontaneous Combustion“ überhaupt? Um ein geheimes Regierungsprogramm: Strahlenschutz durch medizinische Präparate. Die so strahlensicher gemachten Eltern der Hauptfigur bekamen einen Sohn (Brad Dourif) mit Erbgutschädigung; mit der Fähigkeit zur einigermaßen kontrolliert einsetzbaren Selbstentzündung. Der Film schildert seine Suche nach Antworten.

Viel mehr geben meine Notizen nicht her außer „wow wtf?“ und „Wow was?!“ und „Huh?“ und „SHC“. Diesen Genrebeitrag zu welchem Genre auch immer (Scifi-Bodyhorror am ehesten) muss man wohl selbst erleben.

„Spontaneous Combustion“ wird anderen Menschen sowieso weitaus weniger zusagen als mir, aber wie oben bereits angedeutet: medizintechnisch induzierter Bodyhorror trifft mich auf persönlicher Ebene aufgrund meiner Krankengeschichte.

(Herz-OP im Kleinkindalter, vieleviele Krankenhausbesuche und -aufenthalte, obskure Arzneimittel die man mal lieber einnimmt und nicht viel fragt, ‚berufs-nette‘ Erwachsene, usw.)

Auf einer anderen, einer weniger persönlichen Ebene funktioniert

Tourist Trap (David Schmoeller, 1979)

als klassischer Slasherfilm mit anfangs verwirrend, aber rückblickend doch plausibel-genug eingesetztem übernatürlichem Element.

Es ist die uralte Geschichte von der Handvoll junger Menschen, die abseits der Hauptstraße Autopannen haben; sie stranden nahe einer sog. Touristenfalle voller Schaufensterpuppen und Wachsfiguren und werden im Laufe der Erzählung vom maskierten Irren voneinander getrennt und nacheinander umgebracht.

„Tourist Trap“ ist Welten besser als man es für möglich hält. Die Bedrohung wirkt anfangs so affig, dass man sich aufs Filmische konzentrieren kann und dadurch immer mehr tolle Ideen und abgedrehte Visuals entdeckt. Der Filmabend vergeht ereignisreich und rückblickend ergibt sogar die Handlung einigermaßen alptraumhaften Sinn.

Das sind, um den naheliegende Vergleich zu bemühen, die besten Touristenfallen: man betritt sie halb-ironisch und erwartet nichts außer leicht verstaubter Piefigkeit und Peinlichkeit, aber hat wider Erwarten freudestrahlend eine schöne Zeit. Auch denkt man einige Male kurz schockiert „Oh wie krass!“, weil man etwas nicht kommen sah trotz der vermeintlichen Abgebrühtheit.

Das als weitere Antwortmöglichkeit auf die verwirrte Frage, wozu ich mir denn überhaupt solchen Kram antue.

In diesem Sinne: der ursprünglich ebenfalls für Spuktober eingeplante Mörderaffen-Film

Shakma (Tom Logan / Hugh Parks, 1990)

entfällt leider bis auf Weiteres, denn die (via Youtube, naja) vorliegende Version war qualitativ einfach mal viel zu niedrig. „Shakma“ ist, nach dem bereits Zu-sehen-versuchten zu urteilen, eine Mischung aus „Link“ und „Death Machine“. Jedoch mit genau dem richtigen Grad an inszenatorischer Schusseligkeit, um beeindruckte Schadenfreude zu bereiten. Er bleibt also auf der „Musst du gesehen haben!“-Liste.

Spuktober’16: Wer kann das Horrorgenre definieren? (The Ghost And Mr Chicken, Death Bed, Who Can Kill A Child?)

Die Themenvielfalt innerhalb des sogenannten Horrorgenres ist dermaßen groß, dass man unschlüssig bleibt, ob es überhaupt ein Genre ist (wie der Western) oder nicht doch eher ’nur‘ ein Stilmittel.

The Ghost And Mr. Chicken (Alan Rafkin, 1966)

wird für ungefähr zwei längere Setpieces zum Horrorfilm (Subgenre Gruselfilm), als Don Knotts‘ hypernervöser Nachwuchsreporter durch ein Haus streift, in dem es spuken soll.

Gruselfilm-Elemente sind jedoch nur eine (wichtige) Zutat dieser sich auch durch einige andere stets beliebte Spielfilmgenres hangelnden Komödie. „The Ghost And Mr. Chicken“ liefert Kleinstadtsatire, Einblicke in die journalistische Arbeit, aber auch einen Liebesfilm, ein Gerichts’drama‘, einen Krimi und ist beinahe ein Martial-Arts-Film.

Insgesamt nimmt man „The Ghost And Mr. Chicken“ zu keinem Zeitpunkt ab, dass es wirklich spukt im Spukhaus. Aber im Hinblick aufs Gesamtwerk verwundert das nicht: das ist zuallererst ein charakterbasierter großer Spaß mit vielen zeitlos guten Dialogen.

(Wenngleich der Antrieb für die Handlung ein vor Jahren im alten Haus begangener Mord-Suizid ist und das Drehbuch diesen Aspekt ernst genug nimmt.)

Andere Filme innerhalb des Horrorgenres ziehen eine (idealerweise) furchterregende Grundidee hemmungslos durch, ohne Rücksicht auf die menschlichen Darsteller oder sogar die Sehgewohnheiten des Publikums.

Death Bed – The Bed That Eats [People] (George Barry, 1977)

beispielsweise beginnt mit wohligen Kaugeräuschen, wirkt wie ein schieflaufender Pornofilm, und der Film handelt wörtlich von einem (dämonenbesessenen) Bett, das im Keller eines verfallen(d)en Herrenhauses steht und Menschen frisst. Hinter einer gerahmten Zeichnung nahebei muss der Erzähler (möglicherweise Aubrey Beardsley) die Morde miterleben und wird im Gegenzug vom Bett/Dämon mit Reliquien der Verstorbenen bedacht.

High-concept, abgedrehte Prämisse, ungelenk umgesetzt. Perfekt!

Wo „The Ghost And Mr. Chicken“ eine nette Komödie voller Charakterköpfe ist, da ist „Death Bed“ für mich kurz vorm gelungenen Kunstfilm, und ist aus etlichen Gründen enorm spannend.

„Death Bed“ ‚lebt‘ von nachträglich über die Bilder gelegten Dialogzeilen, Gedanken und Geräuschen und bekommt allein deshalb bereits eine unwirkliche Qualität. So traumgleich wie lowtech sind die Bilder und Lösungen (vulgo: Filmtricks), die Barry gefunden hat, um z.B. die Verdauungsvorgänge des Bettes zu inszenieren.

Die erzählte Geschichte hat innerhalb der Genrekonventionen Hand und Fuß und historische Vorbilder (Gothic Horror vor allem), aber sie ist originell umgesetzt und hat mich durch einige drastische Gedankensprünge und Ideen überrascht.

Patton Oswalt, dessen Standup-Routine über das „Death Bed“ ich diesen Filmtipp verdanke – genauso wie es US-Comedian Dana Gould war, der in einem Podcast „The Ghost And Mr. Chicken“ empfahl – Patton Oswalt also lobte den Auteur George Barry für sein Durchhaltevermögen.

Er tat es gut getarnt durch Hohn und Spott über „this piece of shit“, doch das ist genau der Punkt: selbst der albernste und/oder verkopfteste Genrebeitrag hat das Zeug dazu, Filmfans zu beeindrucken. Und sei es auch nur durch die Chuszpe die es braucht, um nicht allein solch ein Drehbuch zu schreiben, sondern es sogar in Eigenregie zu verwirklichen.

Apropos Hochkonzept-Horrorfilme, die nicht jedermenschs Sache sind:

Who Can Kill A Child? / ¿Quién puede matar a un niño? (Narciso Ibáñez Serrador, 1976)

ist ein weiteres Extrembeispiel für die Grenzen des Horrorgenres. Hier ist der menschliche Nachwuchs des Menschen Wolf, das übernatürliche Element nur als Anspielung bzw. Auslöser vorhanden.

„Who Can Kill A Child“ steigt hoch ein mit harten Archivaufnahmen aus Auschwitz, Indien/Pakistan, Korea, Nigeria, Vietnam. All diese Bilder Toter, Verstümmelter und Verhungernder offkommentiert ein Erzähler wie in einem Lehrfilm. Er betont die gequälten Kinder und lässt uns an einem spanischen Badestrand zurück. Die Kinder (und Erwachsenen) hier baden, spielen und sonnen sich. Das schöne Leben. Bis ein offensichtliches Mordopfer angeschwemmt wird.

Schnitt zum britischen Urlauber-Pärchen; sie ist schwanger, er könnte Donald Sutherland sein. Sie radebrechen sich auf spanisch durch den Ort und miterleben nachts ein Feuerwerk mit dem filmischen Sounddesign von Kanonen und Granateinschlägen. Anderntags mieten sie ein Boot und tuckern hinüber zum eigentlichen Urlaubsziel, einer kleinen Insel.

Dort finden sie sich alsbald umzingelt von all denen, von denen wir unsere Welt nur geliehen haben. Stimmungsgeladener Leerlauf folgt auf kurze Gewalteinbrüche und der Film beantwortet die filmtitelgebende Frage.

„Who Can Kill A Child“ könnte ein Ökohorrorfilm sein (wieder eines dieser vielen Subgenres) und gleicht die beeindruckende Kinderlosigkeit von „The Ghost And Mr Chicken“ aus.

In Don Knotts‘ netter Welt trägt man Anzug und zumindest Fliege. Die Halbstarken fehlen und wohl deshalb steht das vollmöblierte ‚Spukhaus‘ jahrelang unbeschädigt und ungeplündert leer. Auf der spanischen Insel von 1976 hingegen trägt der Protagonist legere Kleidung, für die man wohl 1966 gesteinigt worden wäre, und er ist dennoch ein Erwachsener und als solcher der Todfeind besessener(?) Heranwachsender.

Kurzum: dieser Film vertritt eine klare These und bringt seinem Publikum absichtlich keinen Spaß. (Höchstens die zweifelhafte Freude eines ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘.) Das kann man mögen oder auch nicht, aber das Casting stimmt, die Geräuschkulisse ist vorbildlich minimalistisch und die ausweglose Bedrohung glaubwürdig.

Spuktober ’16: Elternfrei-Doublefeature (The Gate, Clownhouse)

Bei jedem Horrorfilm-Marathon stellt sich die Frage nach der Ausgewogenheit und der Themenwahl. Es gibt zigdutzend Horror-Subgenres oder nur drei, je nach Fragestellung:

Wer bedroht die Hauptfiguren? (Vampire, Werwölfe, Dämonen, entsprungene Irre, Clowns, …)

Was wird bedroht? (die Gesellschaft, das Leben, das Selbstbild)

Und es gibt Mischformen all dieser Bedrohungsszenarien, man denke nur an Stephen King’s „Es“.

Thematische Schwerpunkte gibt es erst recht wie Sand am Meer; je nach Augenmerk auf Cast und Crew, wiederkehrende Elemente (zB Handlungsorte) und so weiter bis hin zum Entstehungsjahr.

Locker könnte ich also den heurigen Spuktober ausschließlich mit Filmen bestreiten, in denen Pubertierenden ein vorzeitiges Ableben droht. Bereits in diesem enggesteckten Rahmen haben sich in der Filmgeschichte etliche Werke angesammelt, die genretypisch den Horroraspekt und den Kampf ums Überleben betonen.

(Im Unterschied zu Filmen, in denen Jugendliche an Krebs dahinscheiden, oder zu Kinder-Kostümfilmen mit Gothic-Horror-Einschlag wie „Der geheime Garten“, oder zu Dramen über Kindesmissbrauch.)

Der Hang zur Ausgewogenheit und Themenvielfalt hat mich jedoch nicht davon abgehalten, einen roten Faden durch den Spuktober’16 zu ziehen, deshalb auch gleich mehrere Horrorfilme thematisch gebündelt hintereinander zu packen und zu besprechen.

Zum Beispiel als ‚Elternfrei-Doublefeature‘ aus „The Gate“ und „Clownhouse“. (Alternativ ist’s das Doublefeature namens ‚blutige Kinderhand groß im Bild‘ bzw. ‚Filme, die mit Alpträumen beginnen und in denen Lagerfeuergeschichten erzählt werden‘.)

The Gate (Tibor Takács, 1987)

… ist Fantasyhorror und an übernatürlichen Elementen stark; erinnert insgesamt an eine kindgerechte(re) „Evil Dead 2“-Variation und hat teilweise herausragendgute Spezialeffekte.

Das titelgebende Tor zur Unterwelt öffnet sich am elternfreien Wochenende einiger Heranwachsender und Dämonen befallen das Grundstück. Sie wollen sich erst die Kinder holen und dann die Welt. Doch die Kinder sind keine leichte Beute, denn sie nutzen Fachwissen aus dem Booklet eines Heavymetal-Albums.

Wirklich viel mehr zu sagen habe ich jedoch über den Film nicht, als dass er solide Handwerkskunst ist.

Bis auf: das Drehbuch stellt im ersten Filmdrittel absurd viele Elemente ‚zufällig‘ in den Raum, um damit später gegen die Dämonen angehen zu können. Das würde mehr Freude bringen, wenn es nicht so offensichtlich ein Dramaturgiekniff wäre oder sogar ein Zeichen dafür, dass die Story quasi rückwärts geschrieben wurde.

Clownhouse (Victor Salva, 1989)

… hingegen liefert das andere Extrem: wirklich *alles* in „Clownhouse“ hat mit Clowns zu tun und das ist gleichermaßen überspitzt und künstlich. Aber es gefällt mir weitaus besser, denn Salva’s Spiel mit gezinkten Karten ist sofort erkennbar und bleibt konsequent.

(Für mich fällt Salva übrigens in die selbe Regiearbeiter-Kategorie wie M. Night Shyamalan: Suspense trifft auf Schlock, bevorzugt-visuelles Storytelling auf Holzhammersymbolik. „Jeepers Creepers“ samt Fortsetzung sind Lieblingsfilme.)

Die in „Clownhouse“ vermittelte Chemie der drei Brüder ist gleichauf bedrückend und realistisch, genau wie es die kindische Mischung aus Angstlust und Schreckhaftigkeit ist: die Jungs erzählen sich Schauergeschichten und schauen Horrorfilme, aber wollen nicht spätabends alleine raus.

„But… what about those clowns?!“ – Nun, die Clowns sind drei entsprungene Irre, die mordend ausbrechen, nachdem ihnen denen das Ausgeh-Privileg entzogen wurde, den Zirkus zu besuchen. Sie brechen also aus, und wie der Zufall so spielt schlüpfen sie in die Kostüme der echten Clowns und beschleichen in mörderischer Absicht die elternfreihabenden Brüder.

Bis es zum Suspense-lastigen, filmisch perfekt umgesetzten Showdown kommt zwischen den jeweils Dreien, füllt Salva den Film mit Dialogen voller Flüche und Triggerthemen (Clowns!), aber auch mit Minderjährigen in Unterwäsche.

Der eigentliche Plot-twist von „Clownhouse“ ist so auch außerhalb des eigentlichen Filmes zu suchen. Denn nicht die Clowns oder die als Clowns verkleideten Irren waren ‚out to get‘ den Hauptdarsteller dieses Films, sondern der Regisseur.

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