6 Aug 2008, 3:06pm
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Filmnächte am Elbufer 2008: Kurzfilmnacht + Shortfilmlivemusic

Mein letztes kulturelles Außer-Haus-Erlebnis fand in der Nacht vom 1. zum 2. August statt: Die Kurzfilmnacht der Dresdner Elbufer-Filmnächte. Dort habe ich auch erneut bestätigt bekommen, was ich schon wusste: Filme schauen mit Publikum drumherum macht mir keinen Spaß.

Ich will nichts von den Reaktionen meiner Mitmenschen auf Plotpoints und Regieeinfällen hören oder sehen. Denn diese Reaktionen stimmen entweder nicht mit den meinen überein oder aber sind meines Erachtens nach extra überspitzt, um SitznachbarInnen zu beeindrucken.

So nach dem Motto:

»Hahaha, er hat Retard gesagt. Und nun lache ich darüber, denn ich bin des Englischen mächtig. Wie, du weißt nicht, weshalb ich und einige andere im Publikum lachen? Nun denn, ich will es dir verraten: Retard heisst ‘geistig minderbemittelt’ und Beleidigungen sind witzig. Vor allem solche in einer fremden Sprache, die ich insoweit verstehe, dass ich über Worte wie Retard lachen kann. Befreiend lachen, denn ansonsten verstehe ich wenig vom Inhalt der Untertitel oder der Dramatik des Filmes.«

— — –

Valuri | Wellen
Rumänien 2007, 16 min, Spielfilm
Regie: Adrian Sitaru

Das eben ausführlich geschilderte Beispiel entstammt den Publikumsreaktionen zu einem Ausspruch in diesem Filmchen, in dem ein junger Mann am Strand (in)direkt ein Familiendrama miterlebt.

"Valuri" ist typisch für die in dieser Nacht gezeigten Filme: In ihm wird keine runde Geschichte erzählt, sondern eine Episode herausgegriffen. Und wie die meisten Kurzfilme ist auch er eine Gesellenstück, bei der das technische Können der Beteiligten mehr zählt hat als der verfilmte Storyfetzen.

64 Möglichkeiten zum Zuge zu kommen
Deutschland 2002, 10 min, Animation
Regie: Meike Fehre, Sabine Dully

Schachzüge, umgesetzt als Stop-Motion-Trickfilm. Nett anzuschauen, mir aber zu artsy und unkapierbar. Ich war verwundert, wieviel Mühe sich Menschen mit Kurzfilmen geben, die storytechnisch kaum Substanz haben. (Ausrede, wie so oft: »Ist halt Kunst.«)

Run | Lauf
Neuseeland 2007, 15 min, Spielfilm
Regie: Mark Albiston

Dieser Film ist schon eher nach meinem Geschmack: Vom Schicksalsschlag gebeutelter Vater striezt seine beiden Kinder, weil er es eben kann. Interessant ist im Nachhinein, dass die hier geschilderten Familienverhältnisse zwar krass sind, aber dennoch nicht so überdreht düster auf mich gewirkt haben wie die im später gezeigten Kurzfilm "Robin".

Drawing the Line
Deutschland 2006, 6 min, Animation
Regie: Hyekung Jung

emo emo emo emo

La Parabólica | Die Satelittenschüssel
Spanien 2007, 12 min, Spielfilm
Regie: Xavi Sala

Na bitte, so gehört sich das: Papstbesuch, Dorf, DIY-Fernsehfunk und eine Hauptfigur, die nicht (ganz) so reagiert, wie ich es erwartet hätte.

La Dinde Marinée | Der saftige Truthahn
Frankreich 2008, 13 min, Spielfilm
Regie: Benoît Ameil, Laurent Freynet

Ein Sketch-Up-Sketch, der nach der unübertrefflich fiesen Pointe noch gefühlte zehn Minuten weitergeht, ohne erneut zu zünden? Kannste glauben!

Unfreiwillig lustiger als diese kurze schwarze Komödie war übrigens das nachfolgende Interview mit dem Hauptdarsteller, den man wohl extra aus Frankreich eingeflogen hatte, damit er auf Bla-Fragen antworten konnte, die er weder verstand, noch mit interessanten Aussagen erwidern konnte. Herausgekommen ist eine Lektion in Fremdschämen, die den Veranstaltern hoffentlich eine Lehre ist.

(Merke: Unbekannte Künstler langweilen das Publikum. Und das nicht unbedingt allein deshalb, weil sie unbekannt sind.)

Bende Sira – Ich bin dran
Deutschland 2007, 11 min, Spielfilm
Regie: Ismet Ergün

Eine Liebeserklärung ans Kino? Wohl eher eine Anleitung zur geistigen Raubkopie aktueller Kinofilme! Und sowas bekommt Filmförderung? Pfui, schämt euch was!

Robin
Deutschland 2007, 20 min, Spielfilm
Regie: Hanno Olderdissen

Noch eine asoziale Familie. Und diesmal keine von der Sorte Außen Hui, innen Pfui, sondern ein richtig übler ‘Mein Block’-Sozialisationstotalschaden, der wie eine Karikatur wirkt, aber trotzdem erschreckend glaubwürdig ist: Die Charaktere haben keine echten Freunde und vertrauen sich niemandem an, weil es bisher jede Hilfe von außen schlimmer gemacht hat.

Interessanterweise ähnelt die Auflösung dieses deutschen Sozialdramas entfernt der Halbzeit-Pointe des Saftigen Truthahns. Nur ist in diesem Fall kein Gelächter aufgebrandet, als das Baby offensichtlich tot war. Die Macht der Inszenierung. Ich habe all diese Figuren gehasst, weil sie sich nicht aus ihrer Scheiße ziehen (lassen), sondern mit aller Kraft versuchen, ihr erbärmliches Niveau zu halten.

Die folgenden drei Animationsfilme liefen nicht mit Originaltonspur, sondern wurden sehr gut live vertont von Jan F. Kurth und seiner Band(e) shortfilmlivemusic. Und das sehr gut.

Es soll übrigens Leute geben, die sich über die Verrenkungen des Mannes am Mikrofon belustigt haben. (Zum Beispiel meinen Bruder, den ich deshalb enterbt habe.)

Enfants du miel
Deutschland 2002, 7 min, Animation
Regie: Anja Struck

Tut mir leid, falls die nun folgende rhetorische Frage unoriginell ist, aber: "Enfants du miel" ist doch eine Playstation-Werbung von David Lynch, oder nicht?

Labrit
Lettland 1996, 6 min, Animation
Regie: Nils Skapans

Lustige StopMo-Viecher tun all jene lustigen StopMo-Dinge, die der geneigte Trickfilmfan bereits von Pingu, Plumps und Co. kennt. Niedlich.

Shut Eye Hotel | Das Hotel des Schlummerns
USA 2007, 7 min, Animation
Regie: Bill Plympton

:spoiler: Es war das (andere) Kissen! :spoiler:

Madame Tutli-Putli
Kanada 2007, 17 min, Animation
Regie: Chris Lavis, Maciek Szczerbowski

Es ist schon spät, die Pause ist zuende, ich will eigentlich nicht mehr und ärgere mich über einen Typen hinter uns, der lacht wie ein Bekiffter. Und dann kommt dieser Film und reisst mich weg aus der blöden Realität und hinein in die bedrückende, aber verdammt gut inszenierte Welt der Madame Tutli-Putli.

OMFG, ich glaube fast, ich habe noch nie solch einen technisch perfekten und gleichzeitig atmosphärisch dichten Puppentrickfilm gesehen. Ich hätte nicht gedacht, dass es mal ein Film schafft, den "Hintertupfinger Grand Prix" ("Flåklypa Grand Prix", 1975) vom Thron zu schubbsen.

Doch das gelingt der Madame aufgrund ihrer traurigen Augen und dem Gesamtwerk dank Setdesign, Kameraführung und der vermittelten Spannung.

15 Minuten Wahrheit
Deutschland 2007, 18 min, Spielfilm
Regie: Nico Zingelmann

Korruption, Geldwäsche, schwarze Konten, betriebsbedingte Kündigungen und chancenlose Fünfzigjährige. Geld ohne Arbeit? Vielleicht.

Was mir auffiel: (1) Im Abspann wird einigen Unternehmen, in denen das verfilmte Szenario sicherlich keine Fiktion ist, für die Drehgenehmigungen gedankt. (2) Herbert Knaups Gegenspieler sah aus wie Conny Dachs.

Liebeskrank
Deutschland 2007, 9 min, Animation
Regie: Spela Cadez

Eine Liebesgeschichte beim Kleinstadtarzt des Grauens; eine klassische "Zwei finden sich"-Storyline in Kombination mit ekligem (Set-)Design. Prädikat: Netter Ausklang eines Filmabends, aber wahrlich kein Film, der wirklich beeindruckt oder aufrüttelt.

Wäre die Kurzfilmnacht mit einem emotionalen Sacktritt wie "Robin" ausgeklungen, hätte mir das ein Lächeln auf die Lippen gezaubert bei dem Gedanken an die vielen verdorbenen Launen und die vielen erschütterten Weltbilder.

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