Gulliver – Heft Nr. 14 (© 1980 Hanna-Barbera Productions, Inc.)

Gulliver (Heft 14) Gulliver (Inhalt)

[Vorbemerkungen]

Gulliver: "Die große Flut"

(The Adventures of Gulliver)

»Als Schiffbrüchige werden Gulliver und sein treuer Begleiter auf einer geheimnisvollen Insel an Land gespült. Welche spannenden Abenteuer Gulliver und Shaggy auf Lilliput bestehen müssen, könnt ihr auf Seite 3 lesen.«

Aha.

Womit genau hat Lilliput eigentlich das Adjektiv ‘geheimnisvoll’ verdient? Seine Bewohner sind zwar nur eine Fußlänge hoch… Aber sonst?

Die Lilliputaner leben in einer maßstabgerechten Kleinstadt (unvermeidliches Wortspiel), die kein bisschen anders aussieht, als normgerechte Kleinstädte. Sie zaubern nicht, sie beten keine Fabelwesen an und sie fürchten sich auch nicht vor Dingern, die aus der Dunkelheit kommen und ihre Erstgeborenen rauben.

Kann natürlich sein, dass Gulliver alle Geheimnisse der Insel bereits in vergangenen Folgen gelöst hat. Schließlich durchstreift Gulliver in der heutigen Episode

»wieder einmal […] auf der Suche nach seinem verschollenen Vater die Insel. Sein Hund Shaggy und seine Freunde Glum, Eger und Bunko begleiten ihn.«

Sein Vater ist also auch noch verschollen. Wahrscheinlich kam der ebenfalls als Schiffbrüchiger nach Lilliput.

Genau wie Kapitän Leech, dessen »Augenpaar« den an einem Hang herumkletternden Gulliver »finster beobachtet«. Man muss nicht lange raten, um herauszufinden, wer Gullivers Erzfeind ist.

Der Kapitän wird von seinem Plan, Gulliver mit einem Stein zu erschlagen, von den drei Lilliputanern abgehalten, die flugs aus der Westentasche ihres menschengroßen Freundes heraus- und den Berg hinaufklettern und des Käptains Schuhe mit einer Kerze anzünden.

Spannung pur. Nicht.

Denn hier wird das gröbste Problem im "Gulliver"-Gesamtkonzept offenbar: Die Kleinen sind zu klein und die Gefahr zu unmittelbar. Wäre der Kapitän kein Comicschurke, dann hätte er Gulliver längst getötet, die Lilliputaner samt Dorf zertrampelt und die Comicreihe trüge seinen Namen.

Da es aber in kinderfreundlicher Trivialliteratur selten realistisch zugeht, kommt von vornherein selbst bei vermeintlich spannenden Szenen kaum Spannung auf. Und bei Serien, die sich bereits mit ihrem Titel von einem bestimmten Charakter abhängig machen, schon garnicht.

Für "Gulliver" trifft beides zu. Darum weiß der Leser, dass die Kerlchen es packen; egal, wie absurd oder unschaffbar schwer ein Problem erscheint.

Das Gesetz der Serie verhindert jedoch auch, dass der Kapitän sich beim Sturz vom Berg ernsthaft verletzt.

Nach einigem Hin und Her beschließt Kapitän Leech, das Dorf der Lilliputaner absaufen zu lassen und zieht mit dem Spaten los, um den am Ort vorbeifließenden Bach aufzustauen.

(Man sollte immer einen Spaten dabei haben im Falle eines Schiffbruchs.)

Im Gegenzug hilft Gulliver nicht etwa dabei, die flutgeschädigten Einwohner von den Dächern ihrer Häuser zu klauben, sondern meint »Diesen Leech kann man nur mit seinen eigenen Waffen schlagen!«.

Gesagt, getan: Er schüttet einen weiteren Damm auf, der Leechs Unterkunft überflutet und gleichzeitig die Wasserzufuhr zum Dorf unterbricht.

Der Kapitän, inkonsequent wie ein Comicbösewicht nur sein kann, sieht die Bescherung, flucht… Und watet durchs hüfthohe Wasser in seine Höhle, bringt seine klatschnassen Habseligkeiten in Sicherheit und holt sich nebenbei noch eine Erkältung.

Das alles tut er, statt den von Gulliver errichteten Staudamm einzutreten und sich an den gurgelnden Hilfeschreien der Lilliputaner zu ergötzen.

Selbst schuld.

So hingegen ist das happy end der Geschichte, dass Leech zitternd am Strand sitzt und sich beim Versuch, mit Steinen Feuer zu entzünden, den Daumen blau haut, weil Gulliver nicht nur seinen Kautabakvorrat, sondern auch die Streichhölzer unbrauchbar gemacht hat.

Obendrein hat unser Held auch noch den Spaten des Kapitäns an sich genommen und lacht über den erkälteten Mann. Wer ist hier eigentlich der Schurke?

Ach ja: So gut wie alle Lilliputaner sind im lustigen Cartoonstil gezeichnet, die Menschen hingegen realistisch. So wirken die Lilliputaner natürlich stets wie lustige kleine Männchen und nie wie dem Helden zumindest in manchen Dingen überlegen.

– – –

Squiddly Diddly: "Der missglückte Ausflug"

(In Serienform Teil der Trickreihe Atom Ant / The Secret Squirrel Show)

»Zu Hause in Bubbleland hält es der quicklebendige Squiddly Diddly nicht lange aus. Die Abenteuerlust zieht ihn hinaus in die weite Welt. Doch immer wieder kehrt der Krake reumütig in sein heimatliches Aquarium zurück. Was er heute erlebt, findet Ihr auf Seite 13

In dieser Folge entwischt Squiddly über die Mauer des Tierparks, fällt in einen offenen Gullyschacht, wird ins Meer hinausgespült und landet auf einem Landstück, auf dem gerade ein Fuchs gejagt wird.

Der Fuchs überredet die Krake, ihm zu helfen. Mit dem Ergebnis, dass Squiddly beschossen wird. Er entkommt ins Wasser, schwimmt zurück ins Bubbleland und hat seine Lektion (mal wieder) gelernt:

»Geschieht mir ganz recht! Warum bin ich nicht in Bubbleland geblieben…?«

Ja ja… Der reumütig Zurückkehrende – ein Archetyp (nicht nur) der Kinderliteratur.

Bemerkenswert ist der Unterschied zwischen Squiddly und einer inzwischen weitaus bekannteren Trickfilmfigur; dem Clownfisch Nemo: Squiddly bevorzugt sein Aquarium, während Nemo die Außenwelt (bzw. Freiheit) zwar als gefahrvoll sieht, sie aber dennoch bevorzugt.

Sicherlich ist das so, weil Nemos Vater ‘draußen’ wartet, während Squiddlys Bezugspersonen – z.B. der Seehund im ersten Bild – allesamt in Gefangenschaft leben.

Ein gutes Beispiel, wie das gesellschaftliche Umfeld die persönliche Einstellung des Einzelnen zu Freiheit und Lebensqualität beeinflusst.

Ebenfalls ein gutes Beispiel, wie Autorenkollektive ihre mahnenden Zeigefinger erheben können, ohne gleich die Zielgruppe zu verschrecken.

Squiddly muss hinaus in die weite Welt. Nicht etwa, um Erfahrungen zu sammeln. Und auch nicht, damit Leser und Zuschauer mitfiebern können, ob der Protagonist wohl diesmal sein Glück außerhalb des Gefängnisses findet.

Nein, alles falsch.

Der vom oben bereits angesprochenen Gesetz der Serie noch unterstrichene Grund für Squiddlys regelmäßig aufwallenden Tatendrang: Episode für Episode sollen die Vorurteile Squiddlys und seines Publikums von der Außenwelt bestätigt werden.

– – –

MotorMaus: "Eine Rutschpartie"

(Motormouse and Autocat)

»Ein Tausendsassa auf heißen Rädern und ein echtes Erfinder-Genie mit den verrücktesten Ideen – das ist die dufte, superschnelle MotorMaus. Sehr zum Ärger von AutoCat, der sich selbst für den größten Rennfahrer aller Zeiten hält. Und so liefern sich die beiden Rivalen auf der Kopfsteinpflaster-Piste täglich neue, atemberaubende PS-Duelle mit ihren Extra-Klasse-Flitzern. Wer diesmal dabei den kürzeren zieht, lest Ihr in diesem Heft auf Seite 21

Ich verwette mein linkes Ei darauf, dass diese Serie dereinst als "Tom und Jerry mit viel PS" gepitcht wurde. Jedenfalls fühlt sich das komplette Setting so an. Nur die dicke Mama fehlt, die Tom MotorCat mit dem Besen durch die Szenenbilder prügelt.

Stattdessen fährt der Kater seinen Wagen regelmäßig zu Schrott und ist wenige Bilder später wieder auf Achse.

In dieser Folge soll MotorMaus

»für einen bekannten Reifenhersteller […] eine Testfahrt zum Nordpol starten. Als AutoCat davon hört, platzt er fast vor Neid…«

So weit, so gut. Aber ist es logisch, dass dieser Neid MotorCat dazu treibt, seinem Angstgegner bis zum Nordpol hinterherzurasen, obwohl er es nicht müsste? Schließlich hat die Maus und nicht der Kater den Vertrag ergattert.

(Hm, warum ist die Wahl wohl auf MotorMaus gefallen? Vielleicht ja, weil die Maus stets am Ziel ankommt, während der Kater pro Episode mindestens zwei lebensgefährliche Unfälle baut?)

Ebensowenig erschließt sich mir, was für Katz und Maus überhaupt auf dem Spiel steht. Niemand will Käse stehlen, keiner will den anderen fressen. Außerdem fahren die beiden in völlig verschiedenen Ligen: Der Kater einen Rennwagen und die Maus ihr Motorrad.

Warum also sollen die sich »täglich neue, atemberaubende PS-Duelle« liefern wollen? Und wie finanzieren die ihre Feindschaft? Fragen über Fragen… Zumindest den Kater muss dieses Hobby inzwischen Millionen gekostet haben.

(Sein Rennwagen ist frei von Sponsorenstickern. Der Grund? – »WROOOOM KRASCH«!)

Die Geschichte endet ähnlich wie Gullivers Abenteuer mit der großen Flut: Der Bösewicht ist erkältet und der ‘Held’ klopft blöde Sprüche.

– – –

Scooby Doo: "Im Land der Pyramiden"

(Scooby-Doo, Where Are You!)

Die vier Freunde und ihr Hund werden von Archäologen nach Ägypten verschleppt, um dort einen Fall zu lösen. Es stellt sich raus, das schurkische Schurken wertvolle Funde (welche denn sonst?) per Ölpipeline außer Landes schmuggeln.

Keine Piratengeister und auch keine anderen Spukgestalten, sondern nur ein simpler Kunstraub? Das ist ja noch weniger, als ich zu hoffen gewagt hatte.

Hinzu kommt, dass die Figuren – vor allem die Nebendarsteller – richtig schlecht gezeichnet sind, die Story nur durch Zufälle vorankommt und die Namen einiger Hauptrollen eingedeutscht wurden: Das Team besteht aus Freddy, Tommy, Doris, Wilma und Scooby Doo.

(Wahrscheinlich waren den Herausgebern zwei Shaggys pro Heft zu viel.)

Zum Schluss noch ein toller Dialog:

Wilma: »Und ich dachte, durch die Rohre fließt Öl!«

Freddy: »So sollte es eigentlich sein! Aber ein paar ganz schlaue Typen fanden das Geschäft mit den Schätzen der Pharaonengräber lohnender!«

Das müssen ja wirklich ein paar ganz schlaue Typen gewesen sein… Unauffälliger geht es ja wirklich nicht mehr.

[...] Printmedium, Merchandise (21. September 2006) [...]

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