Heubner, Thomas (1985/’88)
"Die Rebellion der Betrogenen. Rocker, Popper, Punks und Hippies – Modewellen und Protest in der westlichen Welt?"

Nichts ernüchtert Möchtegern-Freigeister so sehr wie Bücher, die unmissverständlich klarmachen, dass jede Protestform zum (verlachten) Modetrend werden wird. Und das in der Reihe nl konkretNeues Leben erschienene Band ist ein solches.

Andererseits… Die Tatsache, dass der Mainstream neue Denk- und Lebensweisen ’schluckt‘, beweist ja, dass sich doch etwas verändert; ob nun zum Guten oder Bösen.

So schreibt Hübner etwa auf den Seiten 199 und 200 über einen damals neuen Trend aus den "Trümmerfeldern der South Bronx":

    […] 1982/83 [wurde] in New York eine neue Musik- und Tanzmode geboren, bei der Scratcher und Rapper die rhythmischen Vorlagen liefern:

    Beim Scratchen wird mit den Händen eine Schallplatte schnell vor- oder zurückgedreht, so dass der Tonabnehmer des Plattenspielers durch eine bestimmte Rille "kratzt" und die jeweilige Musikstelle als jaulendes Geräusch hörbar macht.

    Der Vorgang mehrmals wiederholt und mittels Schieberegler in das laufende Musikstück eingeblendet, verdichtet das Flickwerk von Geräuschfetzen zu immer neuen Rhythmuscollagen.

    Das Ganze wird untermalt durch Rappen, einen rhythmischen Singsang, oft im Ruf-Antwort-Schema von Vorsänger und Gruppe, bei dem Laute, Wörter und kurze Sätze in der Hoffnung aneinandergereiht werden, dass es sich reimt.

    Die entsprechende Tanzmode nannte man Break-Dance, Electric-Booggiee (sic!) oder Hipp-Hopp (sic²!).

    Die Gesten und Bewegungen der Tänzer erinnern an Roboter oder fehlprogrammierte Automaten.

    Artistische Einlagen, beispielsweise Überschläge und Herumwirbeln auf dem Kopf, einer Hand oder einem Knie, wechseln mit pantomimischen Effekten wie beim Sauberwischen einer imaginären Fensterscheibe; die akrobatischen Verrenkungen erstarren in wilder Pose auf den Takt genau.

    […]

    Doch nur wenigen [Jugendlichen] gelang eine wirkliche Karriere und damit die Flucht aus der tristen Umgebung der Bronx.

    Und schon gar nicht konnten mittels Break-Dance Armut, Arbeitslosigkeit, Drogen- und Kriminalitätsprobleme unter den sozial benachteiligten Farbigen gelöst werden, zumal außerdem in Windeseile der Musik- und Filmmarkt diese neuartige Musik und den Tanz für sich entdeckten.

Das Fazit scheint reichlich negativ, aber zwischen den Zeile der finalen Absätze steht: Durch die ‚Vereinnahmung‘ der Hip-Hop-Kultur wurden auch die sozialen Probleme ihrer Schöpfer vorgeführt.

Denn die wenigen, denen die "Flucht gelang", konnten berichten, wo und unter welchen Bedingungen sie aufgewachsen waren. Dank diesen prominenten ‚Ehemaligen‘ war und ist es auch erst möglich gewesen, Vorurteile abzubauen und auch andere Probleme in Angriff zu nehmen.

    Inhalt:

    Paradiesvögel der Gesellschaft

    Modewellen und Modeworte

    "Aussteiger" in ihrer Zeit

    Die Goldenen Fünfziger

    Silent years – ruhige Jahre?

    Die Beatniks oder Die geschlagene Generation

    Die Rock ’n‘ Roll-Rebellion

    Entenschwanz und Lederjacke

    Zwischen Protest und Widerstand

    Liverpool – ein Stein kommt ins Rollen: Pilzköpfe, Gitarrenklänge und blaue Hosen

    Von Havanna bis Hanoi

    Flucht in die Freizeit

    "Anarchismus ohne Dynamit"

    Die Unschuld der Blumenkinder

    Die sexuelle "Befreiung"

    Bewußtseinsrevolution durch Drogen?

    In den Katakomben des Untergrunds

    "Revolution als Straßentheater"?

    Neue Innerlichkeit und Gewalt

    Aufstand der "verlorenen Generation"?

    "Freiheit für Grönland! Nieder mit dem Packeis!"

    Die Freiheit der wilden Engel

    Fußball"fans" und Glatzköpfe im rechten Abseits

    Glitzerdiskos und Sekt nach den Hausaufgaben

    Kinder vom Müll oder Schock ist schick

    Irrwege, Sackgassen oder Auswege

    Wellentanz ums Goldene Kalb

    Einsteigen oder aussteigen?

    Anmerkungen

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