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Übersetzungen ins Deutsche: Madame Bovary

Wie es der Zufall so wollte, fand ich vor einigen Wochen zwei deutsche Hardcover-Ausgaben von Flauberts "Madame Bovary", die von unterschiedlichen Übersetzern für die des Französischen unkundige Leserschaft (also unter anderem mir) aufbereitet wurden.

Da wäre zum einen die 1960 in der ‚Deutschen Volksbibliothek‘ des Aufbau-Verlages „mit freundlicher Genehmigung des Insel-Verlages“ erschienene Arthur-Schurig-Fassung, die so beginnt:

ERSTER TEIL
I
Es war Arbeitsstunde. Da trat der Rektor ein, ihm zur Seite ein Neuer, in gewöhnlichem Anzug; hinter den beiden der Pedell, ein Pult in den Händen. Alle Schüler erhoben sich von ihren Plätzen, wobei man so tat, als sei man aus seinen Studien aufgescheucht worden. Wer eingenickt war, fuhr mit auf. Der Rektor winkte ab. Man setzte sich wieder hin. Darauf wandte er sich zu dem die Aufsicht führenden Lehrer.
„Herr Roger“, lispelte er, „diesen neuen Zögling hier empfehle ich Ihnen besonders. Er kommt zunächst in die Quinta. Bei löblichem Fleiß und Betragen wird er aber in die Quarta versetzt, in die er seinem Alter nach gehört.“

Die zweite Übersetzung erschien 1969 im ‚Buchclub 65‘ des Verlages Rütten & Loening, wurde aus dem Französischen übersetzt von Manfred Naumann, und missfällt mir. Vermutlich allein dank der einleitenden Formulierung würde ich den Roman wieder zurück in den Lesestapel stecken:

ERSTER TEIL
I
Wir waren beim Lernen, als der Direktor hereinkam, hinter ihm ein Neuer, noch ohne Internatskleidung, und ein Schuldiener, der ein großes Pult trug. Wer schlief, erwachte, und jeder stand auf, als wäre er bei seiner Arbeit überrascht worden.
Der Direktor gab uns einen Wink, uns wieder zu setzen; dann wandte er sich an den Klassenlehrer.
„Monsieur Roger“, sagte er halblaut zu ihm, „hier ist ein Schüler, den ich Ihnen besonders ans Herz lege, er kommt in die Untertertia. Wenn er fleißig arbeitet und sich gut führt, wird er zu den Großen überwechseln, wohin er seinem Alter nach gehört.“

Die englische Wikisource wiederum beginnt so:

PART ONE
CHAPTER ONE
We were in class when the head-master came in, followed by a „new fellow,“ not wearing the school uniform, and a school servant carrying a large desk. Those who had been asleep woke up, and every one rose as if just surprised at his work.
The head-master made a sign to us to sit down. Then, turning to the class-master, he said to him in a low voice—
„Monsieur Roger, here is a pupil whom I recommend to your care; he’ll be in the second. If his work and conduct are satisfactory, he will go into one of the upper classes, as becomes his age.“

… und Flaubert höchstselbst schrieb:

PREMIÈRE PARTIE
I
Nous étions à l’Étude, quand le Proviseur entra, suivi d’un nouveau habillé en bourgeois et d’un garçon de classe qui portait un grand pupitre. Ceux qui dormaient se réveillèrent, et chacun se leva comme surpris dans son travail.
Le Proviseur nous fit signe de nous rasseoir; puis, se tournant vers le maître d’études:
— Monsieur Roger, lui dit-il à demi-voix, voici un élève que je vous recommande, il entre en cinquième. Si son travail et sa conduite sont méritoires, il passera dans les grands, où l’appelle son âge.

Que? – Nun ja, jetzt könnte ich natürlich lang und breit darlegen, dass jede Übersetzung ebenfalls wieder kreatives Potential hat (weshalb es auch gelungene und schlechte gibt) und auf Sinnlos im Weltall, Dr. Erika Fuchs und Spencer/Hill-Filme verweisen.

Aber heute will ich’s mal bei der Aussage belassen, dass ich froh bin, wenigstens englischsprachige Texte fließend lesen zu können. Womöglich würde ich sonst, wenn überhaupt, den größten Teil der im Internet auffindbaren Texte nur mittels Google Translate erleben können:

TEIL
Ich
Wir waren in der Studie, wenn der Schulleiter eingegeben, gefolgt von einer neuen bürgerlichen und gekleidet in einen Jungen der Klasse, die einen großen Schreibtisch trug. Diejenigen, die schliefen erwachte, und alle sind aufgestanden, als ob in seiner Arbeit überrascht.
Der Schulleiter winkte uns zu sich sitzen wir dann und wandte sich an die Master-Studiengang:
– Roger, sagte er im Flüsterton, ein Student hier, dass ich es empfehlen, in der zweiten. Wenn seine Arbeit und Verhalten zufrieden sind, wird es in großen, wie es sich für sein Alter.

Europäische Graphik von 1500 bis 1900

… heisst die Buchreihe, die Anfang der Achtzigerjahre bei Rogner & Bernhard, München – sowie (teilweise?) als Lizenzausgabe bei Pawlak, Herrsching – erschien, und im Geiste verwandt ist mit den bildlastigen 9,99€-Backsteinen des Taschen-Verlages.

Callot, Jaques 
"Das gesamte Werk" (2 Bd., 1674 S.)

Cranach d. Ä., Lucas 
"Das gesamte graphische Werk. Mit Exempeln aus dem graphischen Werk Lucas Cranachs d. J. und der Cranachwerkstatt" (800 S.)

Daumier, Honoré 
"Das lithographische Werk" (2 Bd., 1301 S.)

"Deutsche Romantik. Handzeichnungen" (2 Bd., 2016 S.)

Doré, Gustave 
"Das graphische Werk in zwei Bänden" (2 Bd., 1536 S.)

Dürer, Albrecht 
"1471 bis 1528. Das gesamte graphische Werk – Band 1: Handzeichungen" (1119 S.)
"1471 bis 1528. Das gesamte graphische Werk – Band 2: Druckgraphik" (849 S.)

Friedrich, Caspar David 
"Das gesamte graphische Werk" (880 S.)

Graf von Pocci, Franz 
"Die gesamte Druckgraphik" (655 S.)

Grandville [Jean Ignace Isidore Gérard] 
"Das gesamte Werk" (2 Bd., 1632 S.)

Richter, Ludwig 
"Sämtliche Holzschnitte (2 Bd., 1728 S.)

Die Bände sind allesamt noch immer erstaunlich billig, obwohl sie anscheinend bislang nie nachgedruckt wurden: ein tausendseitiger Doppelband kostet derzeit knapp €15 inkl. Versand). Also: Komm, und schnapp sie dir!

Muschler, Reinhold Conrad (1933) 
"Die Unbekannte"

Das Lesen dieser kurzen Buchbesprechung verdirbt den Lesespaß. Denn bereits die leiseste Andeutung, dass der Großteil der Handlung nur deshalb einem Kitschroman ähnelt, damit Muschlers staunender Heldin nach all dieser beglückenden Erlebnisse und ihrem kurzen Ausflug in die doch recht bodenständige Realität des erträumten Paris nur ein Ausweg bleibt… Bereits die leiseste Andeutung dessen beraubt die Novelle ihrer Leichtigkeit, weil durch dieses Vorwissen das Umblättern zum Countdown wird.

Mehta, Veena / Lien, Yusuf (1975) 
"Folk-Tales of Ladakh"

Diese handliche Sammlung ladakh’scher Volksmärchen wurde herausgegeben vom India Book House Education Trust Bombay und hat mir vor allem wegen des unerwarteten Stils ihrer Illustrationen sofort gefallen. Denn während so ziemlich alle mit Märchen einer bestimmten Weltgegend gefüllten Bücher auch mit kindgerechten Abwandlungen des ortsüblichen Charakterdesigns verziert werden, erinnerten mich Yusuf Liens Zeichnungen in ihrem Realismus an Filmparodien aus der "MAD", chinesische Propagandacomics, und nicht zuletzt auch an Bilder in "Der Wachtturm"-Heften.

Rausch, Andreas (2005) 
"Zappaesk"

Heute habe ich einen schlechten Tag und will diese »frei erfundene Comic-Erzählung nach wahren Begebenheiten« nicht leiden mögen, weil sie mir trotz erklärendem Anhang zu wirr ist und mich der Zeichenstil an mittelmäßige us-amerikanische Underground-Comix (von und inspired by Robert Crumb) erinnert. Außerdem kenne ich bislang von Frank Zappas Lebenswerk zwar nur wenige Fetzen, bin jedoch ignorant genug, mich nicht weiter mit ihm zu beschäftigen. Dennoch: Wenn Andreas Rausch in einem ähnlichen Stil aus dem Leben von Sun Ra erzählt hätte, würde ich dies vermutlich sogar gut finden.

Moore, Alan / O’Neill, Kevin (2000, 2003) 
"The League of Extraordinary Gentlemen" Vol. 1 & 2

Ich habe nie recht verstanden, was Menschen dazu bewegt, Fanfiction abzulehnen. Schließlich ist das Verwenden bekannter Figuren eine seit Jahrtausenden praktizierte Art der Kulturschöpfung und überhaupt von vielen Möglichkeiten des Remixens und Mashups. Deshalb ist das einzig Entscheidende, ob es den Autoren gelingt, fanfictiontypische Elemente wie die Ergänzung literarischer Figuren um ein Sexualleben stimmig hinzubekommen.

Moore und O’Neill ist die Gratwanderung gelungen, obwohl ihr Comic mit Sicherheit in der Lage ist, ’normale‘ Menschen abzuschrecken. Wer die gestreamline’te Verfilmung mag, wird die Vorlage vielleicht sogar angeekelt weglegen, denn erzähltechnisch ähneln die ersten beiden Liga-Sammelbände mit ihrer kruden Genremixtur einem Shōnen-Manga wie Getter Robo: Statisten sterben wie die Fliegen, Humor und Horror wechseln sich unversehends ab, die Populärkultur wird geplündert, alles wird immer schlimmer, und die Helden sind gezähmte(?) Psychopathen.

Ärgerlich an der "Liga der außergewöhnlichen Gentlemen" war für mich eigentlich bloß, dass sich die Figuren gern volle Namen aussprechen, damit das Publikum bemerkt, welche Romanfigur da eben durchs Bild rennt. Einerseits ist diese Herangehensweise dem Quellenmaterial geschuldet – viktorianische Helden kennen wir (bis auf Sherlock Holmes) ausschließlich in Textform –, andererseits ist es penetrant, wenn Moore mit Klarnamen um sich holzhämmert. Im Satzfluß eines Romanes wäre das nicht schlimm, aber wenn ein gefühltes Drittel der Sprechblasen für Namedropping draufgehen, erinnert das in den schlimmsten Momenten an Tagezeitungs-Karikaturen, in denen Tiere mit ‚Inflation‘ oder ‚Haushaltsdefizit‘ beschriftet sind.