Archiv der Kategorie: Sachbuch

Evanier, Mark (2008) 
"Kirby: King of Comics"

Eben habe ich das Spiegel.de-Interview mit Andreas C. Knigge gelesen, in welchem er den beeindruckenden Fakt erwähnt, »dass Wäscher manchmal an einem Tag ein ganzes Heft zeichnete, weil er vier wöchentlich erscheinende Serien gleichzeitig hatte.« Knigge schließt daraus, Hansrudi Wäscher wäre deshalb »vielleicht sogar der produktivste Comic-Zeichner aller Zeiten«.

Doch das bezweifle ich. Schließlich wird in "Kirby – King of Comics" und "God of comics. Osamu Tezuka and the creation of post World War II manga" (Natsu O. Power, 2009) Ähnliches berichtet. Alle drei – und weltweit viele andere – Künstler haben rund um die Uhr gezeichnet, um Geld zu verdienen; etliche Sammelbände in dutzenden Sprachen beweisen das. Wahrscheinlich also sollte Knigges Wäscher-Biografie den Untertitel Baron der Bildergeschichte tragen. Wenn schon Superlativ, dann der passende.

Tschukowski, Kornej (1968) 
"Kinder von 2 bis 5" ("От двух до пяти")

Wer schon einmal Elternzeitschriften oder das "Reader’s Digest"-Magazin durchgeblättert hat, kennt die Rubrik Kindermund: lustige Sprüche und unfreiwilliger Wortwitz werden abgedruckt und sollen für Amüsement sorgen. Tschukowski hingegen nimmt die kindlichen Aphorismen sehr ernst, fügt dementsprechend auch Erklärungen hinzu und rundet die ‚Kindermund‘-Sammlung mit eigenen Beiträgen ab.

Das Besondere an dieser Textsammlung ist nun, dass die niedergeschriebenen O-Töne aus der Sowjetunion stammen und teilweise stark politisiert sind. Das Kapitel Die neue Zeit und die Kinder etwa ist gänzlich dem Lob auf erfolgreiche politische Erziehung gewidmet, und vor allem die – im Buch unbeantwortet bleibende – Frage

»Ist es wahr, dass in Amerika alle Stühle elektrisch sind?«

zeugen von einer Epoche übelsten antiwestlichen Agitprops. (Wobei ich mir sicher bin, in us-amerikanischen Sammlungen dieser Zeit Entsprechendes zu finden.)

Im aus seinen Zeitschriftenbeiträgen der Dreißiger bis Fünfzigerjahre bestehenden Fachtext-Teil namens Der Kampf um das Märchen zerpflückt Tschukowski Beschwerdebriefe, die ihm – einem Übersetzer und Herausgeber europäischer Märchen und Sagen – übereifrige Kommunisten geschrieben haben, die der Meinung waren, allzu offensichtlich fiktionale Texte würden den »Kindern der neuen Zeit« nur Lügen und Unfug beibringen. (z.B.: Mücken können keine Fliegen heiraten! Märchen verklären Ungeziefer! Und dieser Münchhausen erst!)

Lange Zusammenfassung, kurzer Sinn: Parallelen zur gleichzeitig stattfindenden Hatz besorgter Bürger der westlichen Welt auf Schmutz- und Schundhefte sind offensichtlich, genauso wie die in beiden Hemisphären Wirkung zeigende Indoktrination der Zwei- bis Fünfjährigen mit ‚erwachsenen‘ Themen.

So etwa gleichen die Meinungen der Leserbriefeschreiber denen der Antagonisten aus Ray Bradburys "The Martian Chronicles" -Episode Usher II. Und Stephen King berichtet in "Danse Macabre", dass die Meldung vom Sputnik (1957) ihn in einen Schockzustand versetzte; da war er zwar erst zehn Jahre alt, aber vollgepumpt mit Erzählungen über Die Rote Gefahr.

Staeck, Klaus (1988/’91) 
"Plakate"

Bevor Bernd und Anonymous lustige, demotivierende oder nachdenklichmachende image macros zu liefern begannen, und Adbuster großflächige Werbeträger mit Farbspray und Teppichmessern bearbeiteten, gab es siebgedruckte Plakate mit sozialkritischen Botschaften. Zum Beispiel jene Klaus Staecks, an deren hohem Niveau und weit offenen Text-Bild-Scheren sich politische Aktivisten viele gute Beispiele nehmen können.

Mikul, Chris (1999) 
"Bizarrism"

Ein Nachteil, den es mit sich bringt, solche Bücher zu lesen, ist, dass man Smalltalkthemen aufschnappt, die sich eigentlich nur im Internet ohne Furcht vor Gesichtsverlust diskutieren lassen. Zum Beispiel das Familiendrama eines Freakshow-Hummermenschen. Wobei man eigentlich diese und andere Sammlungen seltsamer Fakten an sämtliche Verwandte verteilen sollte, die der Meinung sind, dass früher alles besser war und überhaupt.

Klosterman, Chuck (2004) 
"Sex, Drugs, and Cocoa Puffs"

Den Essay über die Lakers-Celtics-Rivalität habe ich größtenteils überflogen, weil mich das Thema nicht tangiert, aber die übrigen Beiträge (unter anderem über das ‚geleakte‘ Pam/Tommy-Video und die MTV-Show The Real World) sind amüsante und medienkritikreiche Kurztrips durch die Popkultur der zurückliegenden Jahrhundertwende. Vermutlich sollte ich dieses Buch von nun an jedes Jahrzehnt erneut lesen, um der guten alten Zeit zu gedenken, als Realitysoaps und Promi-Sextapes noch der heiße Scheiß waren.

Strömberg, Fredrik (2010) 
"Comic Art Propaganda"

Die wichtigste Erkenntnis dieses allumfassenden Überblicks ist nicht etwa, dass Propaganda in Comicform auch heutzutage noch gedruckt und verteilt wird – so zum Beispiel die Chick-Tracts –, sondern ist der Hinweis auf die Beschränkungen dieses Mediums: Nicht erst mit tendenziöser Befüllung von Sprechblasen beginnt die Verführung der Unschuldigen, sondern die SchöpferInnen wohl der meisten Comics versuchen, ihr Publikum bereits durch die Charakterdesigns und die Wahl der Bildinhalte in die ‚richtige‘ Richtung zu weisen.