„Mädchen in Koffer“ (Albrecht Hirche, 2015)

Ein Spielfilmregiedebüt. Nicht jedoch meines, zum Glück (noch) nicht. Nein, es wurde MÄDCHEN IN KOFFER von Albrecht Hirche gezeigt, an einem Sonntagabend im Societaetstheater zu Dresden. Der Autorenfilmer war anwesend und erzählte danach in kleinerer Runde von diversen Aspekten der kleinen Produktion. Neben ihm saß sein Kameramensch Demian von Prittwitz auf dem Sofa und steuerte weitere Hintergründe bei.

Vom Filmabend mitgenommen habe ich jedoch die erneuerte Erkenntnis, dass selbst gestandene Theaterregisseure in einem für sie vermeintlich ähnlichen Medium die selben Fehler begehen wie Millionen Hobbyfilmemacher weltweit.

Allen voran ist da die trügerische Auffassung, es gäbe 'einfache' Filmgenres, wie z.B. das Roadmovie. Struktur und Umsetzung wird verwechselt. Filmfans und sogenannte Cineasten sind zudem oft Epigonen und Leichenschänder, weil sie Gerngesehenes mit unzulänglichen Mitteln nachturnen. ("Das kann ich auch!")

Dichtauf folgt die schreiberische Selbstüberschätzung. ("Das kann ich besser!") Man merkt es an theatralischen Monologzeilen – idealerweise später im Film schreiend und fuchtelnd aufgesagt – und an nicht nachvollziehbaren Handlungselementen.

[Über das mir verhasste Sub-Subgenre „Roadmovies, inspired by Jarmusch und Tarantino“ muss ich mal anderntags einzwei Zeilen schreiben.]

Alles das ist eigentlich zu verkopft oder sonstwie unklar, störend, abseitig, und gehörte rausgeschnitten. Aber es wird behalten. Und wird, weil es sozusagen den Lesefluss stört, als surreales Element bezeichnet. Jedoch gern erst nach der ernüchternden Sichtung des fertigen "Kunstfilmes". Schließlich fällt das Werk ansonsten bei Geldgebern und Publikum durch, die jetzt stattdessen in the know zu sein glauben und wohlwollend nicken. (Als wären intendiert surreale, top produzierte Filme wie DAS GESPENST DER FREIHEIT gleichauf mit einem flugs runtergekurbelten Erstlingswerk voller Anfängerfehler.)

Unterwältigendes Material muss bereits deshalb drin bleiben, weil: ansonsten bliebe nicht mehr viel. Man filmte aus Zeitmangel und aus Selbstvertrauen kaum ‚Überschüssiges‘, und hatte leider im Schneideraum keine stimmigeren Alternativen.

Casting und In-Szene-setzen der Darstellenden greift ineinander. Ein weiteres Minenfeld.

Nicht jedes Gesicht klappt, nicht jede Betonung, nicht jedes Zusammenspiel. Die fehlende Chemie der Hauptfiguren kann einen ansonsten evtl. guten Film umbringen. Positiv herausragend aus dem MÄDCHEN IN KOFFER waren für mich der Autohändler (Konstantinos Avarikiotis) sowie die Kassiererinnen. Die Hauptfiguren hingegen waren unklar bis nervtötend. Und hier weiß ich nicht, inwiefern das so gewollt war.

Es gibt zuhauf technisch und logistisch fragwürdige Details wie zB ungünstiges Kamera-Handling (zu zahm, zu weit weg, zu marktschreierisch), akustische Unklarheiten, unstimmiges Setdesign, unmotivierte Performances – und nicht zuletzt und insgesamt die auf der Leinwand sichtbaren Geldprobleme. Obendrauf noch die Bildqualität des vorgeführten Materials, durch Digitalprojektion torpedierte Kameraschwenks, etc. pp.

Man merkt all das natürlich erst, sobald es beim Anschauen des fertigen bzw. als fertig bezeichneten Werkes negativ auffällt. Und im Zweifelsfall ist es toll, dass sich jemand an ein solches Projekt gewagt hat. Aber Drehtag-Anekdoten wiegen selten die Trauer über die vertane Zeit auf. Und die Diskussionsrunde wird dann publikumsseitig mit Nettigkeiten oder Fragen zu technischen Details oder den im Abspann genannten Namen bestritten.

Die Grauzone der "good bad movies" ist riesig und so mancher Film wird aus unbeabsichtigten Gründen zum heimlichen Publikumsliebling. Störungen jedweder Art sind potentiell spannend und können wiederum zu tot-kopierten Stilmitteln werden. Also gern weiterfilmen! Es ist halt schade, wenn in etwa 95 Minuten Laufzeit keinerlei neue Fehler gemacht werden.

Die Musik im MÄDCHEN IN KOFFER (gesungen von Blaine L.Reininger) war übrigens ganz gut, wie ich finde. Davon gerne mehr.