28 Jan 2011, 9:09am
Film (S)
unkommentiert

"Streets of London" 
"Kidulthood" 
Menhaj Huda (2006)

Eine Filmgattung, bei der ich nie weiß, welche Agenda die Macher verfolgen, ist die des Jugenddramas. Wollen sie schockieren, aufrütteln, dokumentieren oder schnelle Euro verdienen? Keine Ahnung. Jedenfalls locken Filme über Problemjugendliche gleichermaßen die Erwachsenenwelt und die gezeigte Altersgruppe an – wenngleich auch aus abweichenden Gründen. (Ein ähnliches Begründungs-Konglomerat gehört sicherlich zum Pitching jedes glaubensbasierten Horrorfilms.)

Ghettokids, Crashkids, Kinder vom Bahnhof Zoo und Kids im allgemeinen sind in solchen Filmen dauergeil und stets bereit auf Gewalt; entweder, um sie auszuteilen oder einzustecken. Mobbing, Drogenkonsum, schneller Sex und drastische Musik gehören zu ihrem Leben. Und auch dieser Streifen bietet all das plus die Selbsttötung einer Gemarterten innerhalb der ersten halben Stunde.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe mich dazu entschlossen, die Filmhandlung bereits zu kennen, ohne es tatsächlich zu tun, und "Streets of London" nicht weiterzuschauen. Wer Zeit sparen will, ohne jedoch auf visualisiertes ‘Der Mensch ist des Menschen Wolf’ zu verzichten, greift zu "Les temps morts" (René Laloux, 1964), denn der ist binnen einer knappen Viertelstunde Laufzeit zeitlos misanthropisch.

24 Jan 2011, 9:10pm
Allerlei
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Systemkritische Technomusik

Paul Kalkbrenner legte in Afghanistan für die deutsche Besatzungsmacht Truppe auf und einige wundern sich, wie zum Henker das zusammenpasst. Währenddessen höre ich dutzende CreativeCommons-lizensierte Elektromusikalben weg und lösche sie ohne Zögern manchmal bereits nach dem Anspielen der ersten drei Stücke, weil ich die Antwort kenne: aussagekräftige Technomusik ist zwar möglich, aber nicht der Normalfall.

Anfang der 1990er mochte es durchaus realistisch gewesen sein, 303-Gezwitscher und dumpfe Schläge als Protestform und Gegenkultur zu begreifen. Inzwischen hat die Revolution jedoch ihre Kinder verdaut; längst werden mit dem ehemals rebellischen Technoliedgut "Smack my Bitch up" Sportsendungen und Filmsequenzen vertont.

Hinzu kommt, dass sicherlich nur wenige Menschen noch in der Lage sind, einzelne Musikstücke beim Namen zu nennen, denn Mixe sind nahtlos, Subgenre etabliert, viele Werke beliebig. (Oder schaue ich als Einziger fast nie auf die – wenn überhaupt vorhandenen – Setlisten und Songtitel?) Spätestens die displaylosen mp3-Player anonymisieren die meisten Technotracks, und überhaupt sind textfreie Songs sowie schlecht verschlagwortete Dateien allein mittels klassischer Internetsuche unrecherchierbar.

Vor allem aber hat sich das Medienkonsumverhalten geändert: Im Zeitalter der langen Akkulaufzeiten dienen Mitschnitte von DJ-Sets zur musikalischen Untermalung des Arbeitsweges oder Wäschehängens, und sie konkurrieren mit Podcast-Angeboten um Speicherplatz und Hörergunst, die mit handfesten Argumenten den Afghanistankrieg kritisieren, anstatt mit reptilienhirngerechtem Boing, Peng, Bumm und Tschakk.

23 Jan 2011, 11:39pm
Buch (O-R)
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Rausch, Andreas (2005) 
"Zappaesk"

Heute habe ich einen schlechten Tag und will diese »frei erfundene Comic-Erzählung nach wahren Begebenheiten« nicht leiden mögen, weil sie mir trotz erklärendem Anhang zu wirr ist und mich der Zeichenstil an mittelmäßige us-amerikanische Underground-Comix (von und inspired by Robert Crumb) erinnert. Außerdem kenne ich bislang von Frank Zappas Lebenswerk zwar nur wenige Fetzen, bin jedoch ignorant genug, mich nicht weiter mit ihm zu beschäftigen. Dennoch: Wenn Andreas Rausch in einem ähnlichen Stil aus dem Leben von Sun Ra erzählt hätte, würde ich dies vermutlich sogar gut finden.

17 Jan 2011, 9:52am
Buch (L-N)
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Moore, Alan / O’Neill, Kevin (2000, 2003) 
"The League of Extraordinary Gentlemen" Vol. 1 & 2

Ich habe nie recht verstanden, was Menschen dazu bewegt, Fanfiction abzulehnen. Schließlich ist das Verwenden bekannter Figuren eine seit Jahrtausenden praktizierte Art der Kulturschöpfung und überhaupt von vielen Möglichkeiten des Remixens und Mashups. Deshalb ist das einzig Entscheidende, ob es den Autoren gelingt, fanfictiontypische Elemente wie die Ergänzung literarischer Figuren um ein Sexualleben stimmig hinzubekommen.

Moore und O’Neill ist die Gratwanderung gelungen, obwohl ihr Comic mit Sicherheit in der Lage ist, ‘normale’ Menschen abzuschrecken. Wer die gestreamline’te Verfilmung mag, wird die Vorlage vielleicht sogar angeekelt weglegen, denn erzähltechnisch ähneln die ersten beiden Liga-Sammelbände mit ihrer kruden Genremixtur einem Shōnen-Manga wie Getter Robo: Statisten sterben wie die Fliegen, Humor und Horror wechseln sich unversehends ab, die Populärkultur wird geplündert, alles wird immer schlimmer, und die Helden sind gezähmte(?) Psychopathen.

Ärgerlich an der "Liga der außergewöhnlichen Gentlemen" war für mich eigentlich bloß, dass sich die Figuren gern volle Namen aussprechen, damit das Publikum bemerkt, welche Romanfigur da eben durchs Bild rennt. Einerseits ist diese Herangehensweise dem Quellenmaterial geschuldet – viktorianische Helden kennen wir (bis auf Sherlock Holmes) ausschließlich in Textform –, andererseits ist es penetrant, wenn Moore mit Klarnamen um sich holzhämmert. Im Satzfluß eines Romanes wäre das nicht schlimm, aber wenn ein gefühltes Drittel der Sprechblasen für Namedropping draufgehen, erinnert das in den schlimmsten Momenten an Tagezeitungs-Karikaturen, in denen Tiere mit ‘Inflation’ oder ‘Haushaltsdefizit’ beschriftet sind.

10 Jan 2011, 12:14am
Film (0-9)
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"2012" 
Roland Emmerich (2009)

Erst kürzlich hat die NASA "2012" zum Film mit dem absurdesten Wissenschaftsunterbau gewählt. Was mir als Fan von Roland Emmerichs Effektegeballer herzlich egal ist; sowieso sind die Voraussetzungen der meisten Genrefilme Humbug, ohne dass sie deshalb (bzw. einzig deshalb) schlecht wären. Also tretet ein und seht, wie Städte auseinanderbrechen, Berge versinken und ein Nationalpark explodiert, und die Protagonisten von einem Spielberg/Jackson/Cameron-Setpiece/Plotpoint zum nächsten hetzen.

Wer nun meint, es sei ganz ausgeschlossen, wenn eine untrainierte Familie all das Gebotene übersteht, vergisst, dass die Drehbuchautoren Emmerich und Kloser alle Überlebenden befragt und sich die für ihren Geschmack beste Geschichte herausgesucht haben. Ein anderes Autorenteam hätte vielleicht das Biopic eines tibetanischen Werftarbeiters geschrieben.

31 Dez 2010, 5:58am
Buch (L-N)
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Moran, Richard (1986) 
"Eisflut" ("Cold Sea Rising")

Wenn ein unterseeischer Vulkanausbruch das riesige Ross-Schelfeis vom antarktischen Kontinent losreißt und ins offene Meer entlässt, bedeutete das im 1990 dieses Romanes nicht nur einen drohenden Anstieg des Meeresspiegels, sondern außerdem, dass die Sowjets versuchen werden, sich dieses Dings zu bemächtigen; also, dass der kalte Krieg heiss auf Eis werden wird.

Solch ein Szenario klingt in Form des dazugehörigen Taschenbuch-Rückentextes durchaus vielversprechend, das Buch selbst hingegen erinnert auf den Seiten, die ich’s durchzuhalten vermochte, jedoch eher an den Sketch vom Buchbinder Wanninger: etliche Personen informieren sich gegenseitig über das Losbrechen und seine Folgen, und die deshalb eh schon kaum vorankommende Handlung bremst Moran durch mehrseitige Kurzbiografien bis zum Beinahe-Stillstand aus. Prädikat: Nicht durchzuhalten!

Nun habe ich natürlich den Roman nicht zum Umsonstladen getragen, ohne nachzugucken, wie er endet. Und tatsächlich: die westliche Welt ist froh, weil die Sowjet-Fallschirmeinheit im Eismeer ersäuft, und das ökologische Katastrophenszenario tritt dank $technobabble ebensowenig ein.

Was mich zu der Frage reizt, warum Moran und etliche andere AutorInnen ihre Grundideen nicht weiterspinnen und in ihren Geschichten die Auswirkungen einer wie auch immer gearteten Extremsituation auf die Gesellschaft, wie sie sie kennen, erforschen. Schließlich schreiben sie Romane und müssen sich daher keine Sorgen ums Budget – z.B. für Kulissen – machen.