22 Dez 2010, 11:07am
Film (I-K)
unkommentiert

"Inglourious Basterds" 
Quentin Tarantino (2009)

Spielfilme über Nazideutschland sind die Antithese zu Godwin’s Law: sie befeuern Feuilletons und mehrseitige Internetforen-Diskussionen. Es versteht sich von selbst, dass man sie ebensogern mit Filmpreisen überhäuft.

Erschwerend kommt bei "Inglourious Basterds" hinzu, dass der weltbekannte Autorenfilmer Quentin Tarantino einen Film gedreht hat, der nicht auf Fakten basiert, sondern sozusagen ‘inspired by WW2′ ist. Das sorgte bereits lange vor dem Filmstart für Verwirrung: Wie kann er nur? Was wird das bloß? Eli Roth hat mehr als nur ein Cameo?!

(Die Antworten: Weil er’s drauf hat. Dialoglastig. Ja, warum nicht?)

Bereits mehrmals habe ich gelesen, dass Christoph Waltz den Hans Landa mit beeindruckender Glaubwürdigkeit spielt. Nur las ich bislang noch nirgendwo, dass diese Figur sicherlich recht einfach zu spielen ist, obwohl es eigentlich auf der Hand liegt, denn Landa und der Linguistik-Nazi Dieter Hellstrom (August Diehl) sind die durch Fangfragen Spannung erzeugenden Mittler zwischen Publikum und Verdächtigen. Zumal Landa und Hellstrom die Protagonisten nicht bloß auf Ungereimtheiten abklopfen, sondern (genau wie wir) bereits von Szenenbeginn an wissen, was bekannt werden wird, sobald die Befragten über Ungereimtheiten zu stolpern anfangen.

Apropos Hellstrom: Leider hat Tarantino die zwar popkulturhaltige, aber ansonsten nutzlose Kellerkneipen-Szene mitverfilmt, statt den Kniff aus "Reservoir Dogs" anzuwenden, vom vorhergehenden Gespräch der Basterds direkt zum Verhör beim Tierarzt zu springen. Vor allem, weil die meisten Szenen in "Inglourious Basterds" Verhöre sind.

Die Mischung aus Filmgenre und Epoche bringt es mit sich, dass selbst noch harmlose Gesellschaftsspiele einen bedrohlichen Unterton haben. Die Gefahr geht nicht von einer unter dem Tisch tickenden Bombe aus, sondern von Uniformstil und Rangabzeichen der Personen in Rufweite. Die Nervenstärke der mit Nazis konfrontierten Untergrundkämpfer ist also durchaus mit einem Zündmechanismus vergleichbar; statt einer tickenden Uhr sagt uns die Körpersprache der Befragten, wann die Bombe platzt. Erst im Finale setzt Tarantino dieses hitchcock’sche Beispiel für Suspense in Form von Zeitbomben (und verbleibender Filmrollenzahl) im großen Stil wortwörtlich um.

Was mich direkt zur bemerkenswertesten Aussage bringt: Autoren sind Mörder und das Publikum ist anstiftender Mittäter!

Der Kriegsfilm-im-Film "Stolz der Nation", den Tarantino auch uns vorführt, besteht größtenteils aus Aufnahmen der vom heldenhaften Scharfschützen tödlich getroffen zu Boden stürzenden Soldaten. Wir ekeln uns vor der lauthalsen Schadenfreude der im Kinosaal versammelten Nazis und freuen uns auf ihren wohlverdienten Flammentod. Schließlich haben wir vom Freund eines Freundes gehört, dass mindestens Hitler zu Klump geschossen wird, und uns bereits dank des Trailers darauf eingestellt, dass "Inglourious Basterds" wohl eine von vielen filmgewordenen Rachephantasien ist.

Es ist nur so: Tarantino verweigert sich diesem Spiel spätestens in den letzten Filmminuten, und gibt dem internationalen Filmpublikum, vertreten durch Hans Landa, stattdessen sein Meisterwerk mit auf den weiteren Lebensweg.

20 Dez 2010, 11:35pm
Film (V-Z)
unkommentiert

"Zombieland" 
Ruben Fleischer (2009)

Leider habe ich nicht gezählt, wie oft ich dann doch habe schmunzeln müssen, während ich diese wohl zu den Komödien zählende Filmfassung der zombieverseuchten Postapokalypse sah, aber es hat nicht gereicht, um den Ärger über die sorglos handelnden Menschen und andere idiotische Storyelemente zu verdrängen. Bereits im ersten Filmdrittel geschieht nämlich allerhand dummes Zeug einzig der Originalität wegen.

So zum Beispiel hätte das falschspielende Kennenlernen der ProtagonistInnen im Supermarkt den Tod (durch Schießerei) aller Beteiligten bedeutet – oder zumindest ihren Gesundheitszustand rapide verschlechtert. Herausgekommen wäre in diesem Un-Fall aber vermutlich eine wiedersehenswerte Endzeitfiktion, statt eine von vielen halbdurchdachten Genrekomödien, deren Hauptattraktionen Splatterelemente und Kameraführung sind.

17 Dez 2010, 10:32am
Buch (V-Z)
unkommentiert

Wagner, John / Ezquerra, Carlos et.al. (2007) 
"Strontium Dog: Search/Destroy Agency Files 01"

Vermutlich, weil ich die gesellschaftskritischen "2000 A.D."-Comicserien "Judge Dredd" und "Nemesis the Warlock" kenne, bin ich so enttäuscht vom diesem Sammelband: "Strontium Dog" ist nämlich leider weitgehend subtextfreie Sciencefantasy-Dutzendware mit einem Kopfgeldjäger/Killer in der Hauptrolle.

12 Dez 2010, 1:41am
Film (A-C)
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"Bad Boys II" 
Michael Bay (2003)

Eigentlich habe ich "Bad Boys 2" nur geschaut, weil er in "Hot Fuzz" mehrfach erwähnt wird. Leider, denn es stellte sich heraus, dass dieses Buddymovie eigentlich niemand (außerhalb der Filmindustrie) braucht.

Die Story ist ein blei- und explosionsreicher Zweikampf zwischen in der Halblegalität agierenden Schnellquatsch-Cops und einem Drogenbaron, der im großen Stil XTC-Pillen an neonfarbene ClubgängerInnen verkauft: Um das Partyvolk vor Dehydration und Kreislaufkollaps zu retten, schießen sich Reggie Hammond und Axel Foley durch eine Armee von Unterschurken, werden dabei mit Autos und Leichen beworfen, plätten während der den Filmausklang einleitenden Verfolgungsjagd eine kubanische Armensiedlung, und kloppen Sprüche und KuKluxKlansmen.

Alles in allem einer der schlechteren Michael-Bay-Streifen.

Doch eines ist mir durch "Bad Boys II" klar geworden: den "Miami Vice"-Kinofilm und so ziemlich jeden weiteren im us-amerikanischen Drogenermittlermilieu spielenden Actionkracher kann ich für die nächsten zwanzig Jahre guten Gewissens übergehen; dieses Subgenre ist derzeit toter als Romeros Zombies.

1 Dez 2010, 1:49am
Sachbuch (S-Z)
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Tschukowski, Kornej (1968) 
"Kinder von 2 bis 5" ("От двух до пяти")

Wer schon einmal Elternzeitschriften oder das "Reader’s Digest"-Magazin durchgeblättert hat, kennt die Rubrik Kindermund: lustige Sprüche und unfreiwilliger Wortwitz werden abgedruckt und sollen für Amüsement sorgen. Tschukowski hingegen nimmt die kindlichen Aphorismen sehr ernst, fügt dementsprechend auch Erklärungen hinzu und rundet die ‘Kindermund’-Sammlung mit eigenen Beiträgen ab.

Das Besondere an dieser Textsammlung ist nun, dass die niedergeschriebenen O-Töne aus der Sowjetunion stammen und teilweise stark politisiert sind. Das Kapitel Die neue Zeit und die Kinder etwa ist gänzlich dem Lob auf erfolgreiche politische Erziehung gewidmet, und vor allem die – im Buch unbeantwortet bleibende – Frage

»Ist es wahr, dass in Amerika alle Stühle elektrisch sind?«

zeugen von einer Epoche übelsten antiwestlichen Agitprops. (Wobei ich mir sicher bin, in us-amerikanischen Sammlungen dieser Zeit Entsprechendes zu finden.)

Im aus seinen Zeitschriftenbeiträgen der Dreißiger bis Fünfzigerjahre bestehenden Fachtext-Teil namens Der Kampf um das Märchen zerpflückt Tschukowski Beschwerdebriefe, die ihm – einem Übersetzer und Herausgeber europäischer Märchen und Sagen – übereifrige Kommunisten geschrieben haben, die der Meinung waren, allzu offensichtlich fiktionale Texte würden den »Kindern der neuen Zeit« nur Lügen und Unfug beibringen. (z.B.: Mücken können keine Fliegen heiraten! Märchen verklären Ungeziefer! Und dieser Münchhausen erst!)

Lange Zusammenfassung, kurzer Sinn: Parallelen zur gleichzeitig stattfindenden Hatz besorgter Bürger der westlichen Welt auf Schmutz- und Schundhefte sind offensichtlich, genauso wie die in beiden Hemisphären Wirkung zeigende Indoktrination der Zwei- bis Fünfjährigen mit ‘erwachsenen’ Themen.

So etwa gleichen die Meinungen der Leserbriefeschreiber denen der Antagonisten aus Ray Bradburys "The Martian Chronicles" -Episode Usher II. Und Stephen King berichtet in "Danse Macabre", dass die Meldung vom Sputnik (1957) ihn in einen Schockzustand versetzte; da war er zwar erst zehn Jahre alt, aber vollgepumpt mit Erzählungen über Die Rote Gefahr.

16 Nov 2010, 10:04am
Film (O-R)
unkommentiert

"Operation: Kingdom" 
"The Kingdom" 
Peter Berg (2007)

Es liegt vermutlich an des Kingdoms spielfilmtypischerem Handlungsbogen inklusive Schießerei-Showdown, dass ihm weitaus weniger Liebe zuteil wurde als Kathryn Bigelows gut zwei Jahre jüngerem "The Hurt Locker". Denn beide Filme haben ein Wüstenstaat-Setting, bombende Fanatiker sind das Feindbild, und der Kampf der Held(Inn)en ist end- und aussichtslos.

Lösungen bieten Berg und Bigelow nicht, doch zumindest haben sie die derzeit herrschende Pattsituation im Kampf der Kulturen dokumentiert, und ersparen künftigen SchülerInnen-Generationen somit den Griff zur kriegstechnisch längst veralteten "Im Westen nichts Neues"-Verfilmung.