Spuktober’16: Wer kann das Horrorgenre definieren? (The Ghost And Mr Chicken, Death Bed, Who Can Kill A Child?)

Die Themenvielfalt innerhalb des sogenannten Horrorgenres ist dermaßen groß, dass man unschlüssig bleibt, ob es überhaupt ein Genre ist (wie der Western) oder nicht doch eher ’nur‘ ein Stilmittel.

The Ghost And Mr. Chicken (Alan Rafkin, 1966)

wird für ungefähr zwei längere Setpieces zum Horrorfilm (Subgenre Gruselfilm), als Don Knotts‘ hypernervöser Nachwuchsreporter durch ein Haus streift, in dem es spuken soll.

Gruselfilm-Elemente sind jedoch nur eine (wichtige) Zutat dieser sich auch durch einige andere stets beliebte Spielfilmgenres hangelnden Komödie. „The Ghost And Mr. Chicken“ liefert Kleinstadtsatire, Einblicke in die journalistische Arbeit, aber auch einen Liebesfilm, ein Gerichts’drama‘, einen Krimi und ist beinahe ein Martial-Arts-Film.

Insgesamt nimmt man „The Ghost And Mr. Chicken“ zu keinem Zeitpunkt ab, dass es wirklich spukt im Spukhaus. Aber im Hinblick aufs Gesamtwerk verwundert das nicht: das ist zuallererst ein charakterbasierter großer Spaß mit vielen zeitlos guten Dialogen.

(Wenngleich der Antrieb für die Handlung ein vor Jahren im alten Haus begangener Mord-Suizid ist und das Drehbuch diesen Aspekt ernst genug nimmt.)

Andere Filme innerhalb des Horrorgenres ziehen eine (idealerweise) furchterregende Grundidee hemmungslos durch, ohne Rücksicht auf die menschlichen Darsteller oder sogar die Sehgewohnheiten des Publikums.

Death Bed – The Bed That Eats [People] (George Barry, 1977)

beispielsweise beginnt mit wohligen Kaugeräuschen, wirkt wie ein schieflaufender Pornofilm, und der Film handelt wörtlich von einem (dämonenbesessenen) Bett, das im Keller eines verfallen(d)en Herrenhauses steht und Menschen frisst. Hinter einer gerahmten Zeichnung nahebei muss der Erzähler (möglicherweise Aubrey Beardsley) die Morde miterleben und wird im Gegenzug vom Bett/Dämon mit Reliquien der Verstorbenen bedacht.

High-concept, abgedrehte Prämisse, ungelenk umgesetzt. Perfekt!

Wo „The Ghost And Mr. Chicken“ eine nette Komödie voller Charakterköpfe ist, da ist „Death Bed“ für mich kurz vorm gelungenen Kunstfilm, und ist aus etlichen Gründen enorm spannend.

„Death Bed“ ‚lebt‘ von nachträglich über die Bilder gelegten Dialogzeilen, Gedanken und Geräuschen und bekommt allein deshalb bereits eine unwirkliche Qualität. So traumgleich wie lowtech sind die Bilder und Lösungen (vulgo: Filmtricks), die Barry gefunden hat, um z.B. die Verdauungsvorgänge des Bettes zu inszenieren.

Die erzählte Geschichte hat innerhalb der Genrekonventionen Hand und Fuß und historische Vorbilder (Gothic Horror vor allem), aber sie ist originell umgesetzt und hat mich durch einige drastische Gedankensprünge und Ideen überrascht.

Patton Oswalt, dessen Standup-Routine über das „Death Bed“ ich diesen Filmtipp verdanke – genauso wie es US-Comedian Dana Gould war, der in einem Podcast „The Ghost And Mr. Chicken“ empfahl – Patton Oswalt also lobte den Auteur George Barry für sein Durchhaltevermögen.

Er tat es gut getarnt durch Hohn und Spott über „this piece of shit“, doch das ist genau der Punkt: selbst der albernste und/oder verkopfteste Genrebeitrag hat das Zeug dazu, Filmfans zu beeindrucken. Und sei es auch nur durch die Chuszpe die es braucht, um nicht allein solch ein Drehbuch zu schreiben, sondern es sogar in Eigenregie zu verwirklichen.

Apropos Hochkonzept-Horrorfilme, die nicht jedermenschs Sache sind:

Who Can Kill A Child? / ¿Quién puede matar a un niño? (Narciso Ibáñez Serrador, 1976)

ist ein weiteres Extrembeispiel für die Grenzen des Horrorgenres. Hier ist der menschliche Nachwuchs des Menschen Wolf, das übernatürliche Element nur als Anspielung bzw. Auslöser vorhanden.

„Who Can Kill A Child“ steigt hoch ein mit harten Archivaufnahmen aus Auschwitz, Indien/Pakistan, Korea, Nigeria, Vietnam. All diese Bilder Toter, Verstümmelter und Verhungernder offkommentiert ein Erzähler wie in einem Lehrfilm. Er betont die gequälten Kinder und lässt uns an einem spanischen Badestrand zurück. Die Kinder (und Erwachsenen) hier baden, spielen und sonnen sich. Das schöne Leben. Bis ein offensichtliches Mordopfer angeschwemmt wird.

Schnitt zum britischen Urlauber-Pärchen; sie ist schwanger, er könnte Donald Sutherland sein. Sie radebrechen sich auf spanisch durch den Ort und miterleben nachts ein Feuerwerk mit dem filmischen Sounddesign von Kanonen und Granateinschlägen. Anderntags mieten sie ein Boot und tuckern hinüber zum eigentlichen Urlaubsziel, einer kleinen Insel.

Dort finden sie sich alsbald umzingelt von all denen, von denen wir unsere Welt nur geliehen haben. Stimmungsgeladener Leerlauf folgt auf kurze Gewalteinbrüche und der Film beantwortet die filmtitelgebende Frage.

„Who Can Kill A Child“ könnte ein Ökohorrorfilm sein (wieder eines dieser vielen Subgenres) und gleicht die beeindruckende Kinderlosigkeit von „The Ghost And Mr Chicken“ aus.

In Don Knotts‘ netter Welt trägt man Anzug und zumindest Fliege. Die Halbstarken fehlen und wohl deshalb steht das vollmöblierte ‚Spukhaus‘ jahrelang unbeschädigt und ungeplündert leer. Auf der spanischen Insel von 1976 hingegen trägt der Protagonist legere Kleidung, für die man wohl 1966 gesteinigt worden wäre, und er ist dennoch ein Erwachsener und als solcher der Todfeind besessener(?) Heranwachsender.

Kurzum: dieser Film vertritt eine klare These und bringt seinem Publikum absichtlich keinen Spaß. (Höchstens die zweifelhafte Freude eines ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘.) Das kann man mögen oder auch nicht, aber das Casting stimmt, die Geräuschkulisse ist vorbildlich minimalistisch und die ausweglose Bedrohung glaubwürdig.