Spuktober’16: Das Finale (Seance On A Wet Afternoon, Let’s Scare Jessica To Death, The Crazies)

Nun also der abschließende Spuktober’16-Blogbeitrag, auf den letzten Drücker abgeliefert zu Novemberbeginn. Er beschäftigt sich mit einem für wohl jeden Film wichtigen Thema: mit der Erzählperspektive.

Die Protagonisten der

„Seance On A Wet Afternoon“ (Bryan Forbes, 1964)

sind hier gleichzeitig unsere Bezugspersonen. Zu keinem Zeitpunkt wissen wir mehr als das kinderlose Ehepaar Savage. (Mit Ausnahme einiger sekundenlangen Einstellungen während der Lösegeldübergabe, als man uns die undercover agierenden Beamten zeigt.)

Und die Savages sind, apropos Lösegeld, die Schurken: sie halten nicht nur betrügerische Seancen ab, sondern entführen ein Mädchen und erpressen die Eltern, hegen eigennützige Absichten. Sie haben Skrupel, aber setzen ihren einmal gefassten Plan so gut es eben geht in die Tat um.

Sicherlich nicht nur mein Stellvertreter im Film ist der von Richard Attenborough gespielte Bill Savage, der nach kurzem Zögern alle geplanten Schritte unternimmt. Hier spielt „Seance On A Wet Afternoon“ das Publikum gegen sich selbst aus: Erziehung und Moral gegen den Thrill eines spannenden Filmerlebnisses. Wo Bill nur zögert, würden wir es uns vermutlich anders überlegen.

(Inwiefern sich jemand in seine Frau hineinversetzen kann, hängt wohl von persönlichen Erlebnissen bzw. Traumata ab. Mir war sie als Filmfigur verständlich, aber würde ich ihre Manie „in echt“ unterstützen, so wie es der co-abhängige Bill tat? Hoffentlich nicht.)

Übrigens ist „Seance On A Wet Afternoon“ kein Horror- oder auch nur Gruselfilm trotzdem der Titel dies vermuten lässt und dieser Film von Stephen King empfohlen wurde.

Es ist ein klassischer Thriller in schönen Schwarzweißbildern und mit hervorragenden Darstellern. Er zeigt, teils spannungsgeladen-quälend minutiös, aus Tätersicht den Verlauf eines Entführungsfalles.

„Let’s Scare Jessica To Death“ (John Hancock, 1971)

wiederum mischt mindestens zwei Erzählperspektiven.

Zum einen ist da die der offenbar schizophrenen Jessica: wir hören ihre innere/n Stimme/n und vertrauen darum ihrer Außenwahrnehmung nie völlig – obwohl sich die Echtheit stets zu bestätigen scheint.

(Spoiler: Mag sein, dass dieser Film ein Vorbild für „Salem’s Lot“ ist, denn er biegt in eine Richtung ab, die ich zwar ahnte aber zuerst nicht glaubte.)

Jessica weiß um ihre Verfassung und kann (anfangs noch) dagegen ankämpfen. Sie war in einer Einrichtung und nun versucht sie, abseits der großen Städte ein neues Leben zu beginnen mit ihrem Mann und einem Bekannten. Als sie im frisch erstandenen Haus nahe einer Kleinstadt eine weitere Aussteigerin antreffen, beginnt ihr fragiler Weltentwurf zu bröckeln.

Um unsere Erwartungshaltung zu unterlaufen, dass Jessica wirklich nur Stimmen hört und ’sich Dinge einbildet‘, lässt der Regisseur nicht nur sie zu Wort und Bild kommen, sondern rundet die Story durch sozusagen allwissende Szenen ab, die sich in Jessicas Abwesenheit abspielen.

Mit dem Ergebnis, dass wir allmählich der unzuverlässigen Erzählerin/Protagonistin mehr vertrauen als ihrem Umfeld. Sie mag Stimmen hören und sich Dinge einbilden, ja, aber die Realität übertrifft ihre Schizophrenie.

Der Katastrophenfilm

„The Crazies“ (George A. Romero, 1973)

zu guter Letzt macht uns zu Katastrophenfilm-typischen allwissenden Beobachtern.

Oder doch zumindest versetzt er uns in die Lage, uns ungefähr ein Bild der gesamten Situation machen zu können: ein neuartiger Virus ist ins Grundwassersystem gelangt und es könnte sein, dass schon bald eine Kleinstadt samt aller Einwohnenden mittels Atomschlag ausgebrannt werden müssen.

Wir dürfen mit etlichen Parteien mitfiebern, am ehesten mit dem leitenden Armeemenschen sowie einer Gruppe aus der Quarantäne ausgebrochenen Anwohnern. Es gilt jedoch abzuwägen, ob wir wirklich mit den Flüchtigen mitfiebern sollten, denn die tragen ja das Virus in sich.

In Romeros Satire(?) besteht die Armee aus überlasteten, verärgert herumkommandierenden Befehlshabern und leichenfleddernden Fußtruppen in Schutzanzügen. Frustrierte, mit Material und Informationen unterversorgte Forscher fehlen ebensowenig. Alle müssen sich plötzlich flink bewegen und spüren ihre Befehlsketten.

Die Bevölkerung wiederum ist entweder vom Virus irre geworden – und benimmt sich eigentlich nicht viel anders, als man das von ihr kennt. Oder aber sie leistet in kleinen Grüppchen Widerstand, denn niemand vertraut einem Militär, dessen gesichtslos-gasmaskierte Fußtruppen Flüchtige niederschießen und Leichen fleddern.

Im Quarantänelager geht offensichtlich ebenfalls vor allem aufgrund der Militärpräsenz wild zu. Hier wüten keine Ragevirus-verseuchten Quasizombies wie in unkomplexeren Filmen ähnlicher Bauart, jede_r Erkrankte ist auf seine Weise verrückt.

Der Film endet mit einem Nurbeinahe-Happyend, einem near-miss. Das ist der Romero-Touch. (Er und John Russo schrieben etliche Varianten dieses leider allzumenschlichen Endzeitszenarios; alle sind sie zu empfehlen, z.B. „Return Of The Living Dead“.)

„The Crazies“, das sind sie alle. Wem gilt unsere Sympathie, in welchem Lager finden wir uns wieder?