Spuktober’16: Stephen King’s It (Tommy Lee Wallace, 1990)

„Es“ ist vielleicht die für Stephen King archetypischste Geschichte. „Es“ kombiniert ‚ungeschönte‘ Erinnerungen an eine 1950erjahre-Kleinstadtkindheit mit dem massenhysterischen Bedrohungsszenario aus Nigel Kneale’s „Quatermass And The Pit“.

Der etwa zeitgleich von seinem Kollegen Peter Straub verfasste Roman „Der Hauch des Drachen“ schlägt in ähnliche Kerben, aber ist dabei meines Erinnerns nach nicht so sentimental und insgesamt stimmiger und schauriger. (Ich erwähne Straub’s Roman deshalb, weil er mir als Heyne-Taschenbuch in die Hände fiel, einige Jahre bevor ich King’s Werk für mich entdeckte. Eine „Floating Dragon“-Miniserie böte sich an, aber das würden wohl viele Unbedarfte als Ripoff abtun leider.)

Aber ich wollte den kürzlich gesehenen TV-Zweiteiler besprechen, ja. Das fällt schwer, weil Stories dieser Art (und nicht nur die von King gelieferten Variationen zu „Es“) sich gegenseitig bestärken und ergänzen und letztlich zu einem Monomythos zusammenfließen, in dem Schwächen der Einzelwerke untergehen.

Wie sehr das von den Autoren bzw. Filmemachern so gewollt ist und wie sehr ich selbst, der tendentiell zu solchen Fiktionen greifende Zuschauer, es erst für mich so auslege, wäre zu klären. Mein Anteil an der Mythosbildung ist das Wiedererkennen und Verknüpfen sich ähnelnder Elemente, aber auch das Ziehen von Verbindungen zur eigenen Kleinstadtkindheit.

(Den Wald aus „The Tommyknockers“ stelle ich mir zB sofort als den sächsischen Mischwald vor, bekannt durchs Herumstromern und von Radtouren, und vom Pilzesammeln mit den Eltern.)

Noch einmal, jetzt aber wirklich, zu „Es“, der 1990 versendeten Miniserie, die ich irgendwann vor vielen Jahren bereits einmal im Fernsehen sah und nun, in der Nacht zum 6.10.2016, von einer doppelseitigen DVD auf meinem Heimcomputer abspielte.

Diese Verfilmung ist insgesamt inkonsequent, denn sie legt zu keinem Zeitpunkt klare Regeln fest wie genau die Bedrohung durch das unter der Kleinstadt schlummernde Ewigböse sich manifestiert. Beginnend mit dem Bösen, dass sich als Clown seinen Opfern zeigt, um allmählich vermutlich ihre Angst zu vampirisieren und sie letztlich brutal zu töten.

(Der „Clown nach Mitternacht“ ist ein klassisches Horror-Versatzstück. Außerhalb des Zirkuskontextes wird er als umso bedrohlicher empfunden, je weniger sein Auftreten zur Umgebung passt. Ballontierdrehend in der Einkaufspassage ist ein Clown gerade noch verkraftbar, aber wehe die Uhrzeit ist untypisch.)

Wie geschrieben, die Bedrohung ist zu schwammig, was wiederum den Nachteil einer Verfilmung aufzeigt. Gefühle lassen sich, außer durch Augenbrauenschauspiel und Filmmusik, recht schwer vermitteln; der Autor hat keine Chance auf erklärende Einschübe und Ausflüge in die Gedankengänge eines baldigen Opfers.

Und so, rein auf der optischen Ebene stattfindend, funktioniert Pennywise der Clown samt seiner Mindgames nur in wenigen Szenen überzeugend; allen voran in den Badezimmersequenzen. Diese sind mit Abstand die besten dank eines Schauspiels aller Beteiligten, das diesem in bestem Genrefilmsinne besudelten Sets gerecht wird.

Doch bereits die Begebenheiten in der Bibliothek wirken eher lahm und laufen immergleich ab: Plopp! Huch! Übertriebene Schauspielkunst!

Hinzu kommt, dass unklar bleibt, wieso sich in der Bibliothek solche Vorfälle häufen trotzdem nirgends fließend Wasser zu sehen ist, während die Kinder nahe eines Abflussrohres spielen und sich sogar darin verbergen, ohne dass da sofort blutgefüllte Luftballons herausploppen.

(Erklärungen in die Kommentare!)

Die Nebenhandlung mit der Frau des bezopften Autoren funktionierte für mich bereits deshalb absolut nicht, weil sie als Erwachsene von Pennywise, dachte ich, nichts zu befürchten hatte bis auf einen benebelten Verstand.

Und die ‚erschreckend‘ gemeinte Sequenz in der Sporthallen-Dusche wiederum wirkt wie ein abgelehnter Vorschlag für „Nightmare On Elm Street 2“: zu wenig phallisch und homoerotisch to begin with.

Sie ist noch dazu wie die meisten von Pennywise‘ Spielchen konsequenzenlos. Das Ewigböse terrorisiert die Hauptfiguren, ja, aber ich als Zuschauer erlebe keine Steigerung seines Verhaltens. Er ängstigt mich nicht, sondern nervt herum.

Nach einer Weile weiß ich, wie der Hase insgesamt läuft, bin aber minütlich mehr und mehr am Herumrätseln, wie genau Pennywise dies und jenes anstellt. Bis er sich letztendlich zum Showdown hin als Riesenspinne herausstellt, die sich umschubbsen und ausweiden lässt.

Das alles könnte daran liegen, dass der Roman in seiner Romanform etliche allein schon ethischmoralisch-bedingt unverfilmbare Elemente enthält, die die Verfilmung zB durch einen Tunnel voller Spinnenweben und Halbkokons andeutet oder durch flüchtig-intensive Küsse.

Auf eine seltsame Art mag ich übrigens den angemahnten Leerlauf und den unbeholfenen Showdown bereits wieder, denn beides sind wichtige Elemente in Stephen King’s Romanen. Er schreibt sich in eine Sackgasse und mäandert solange herum bis ihm eine annehmbare Lösung einfällt.

(Wütende Gegenthesen in die Kommentare!)

Was bleibt zu sagen, apropos mäandernde Schreibe, was mag ich noch? Nun:

Die Kinderstars sind bestens gecastet, allen voran das Mädchen (Emily Perkins) und die drei Halbstarken. Überhaupt sind die körperlichen, echtweltlichen Bedrohungen beinahe spürbar. „Es“ bedient sich großer Gefühle und ist schauspielerisch so unsubtil wie die Blutballons, aber das passt gerade deshalb gut zusammen.

Das Setdesign ist größtenteils wunderschön. Und der Zweiteiler hat einige beeindruckende Trackingshots bzw. ist insgesamt von der Kameraarbeit auf Kinofilmniveau.

Ich mag trotz Unklarheiten, dass die Hauptfiguren ihre eigene Phantasie einsetzen, um sozusagen Gegenfeuer zu legen zum Bombardement mit bösen Einflüsterungen. („Das ist Batteriesäure!“) Und ich ‚mag‘ das Horrorfilmtrope einer verdrängten Erfahrung, von deren Wiederhochkochen man nur einen kryptischen Anruf entfernt ist.

Gern hätte ich gesehen, dass es für manche von Pennywise‘ Morden Zeugen gab, die es(!) aber verdrängt haben – oder einfach weitergingen, weil der Anblick ihren Verstand überforderte. Dieses Element der Massenhysterie und letztlich sogar Kollektivschuld hat die „Nightmare On Elm Street“-Filmreihe besser zu nutzen gewusst.

Aber man kann ja nicht alles haben in einem Werk. Dafür gibt es den Monomythos.