Starwarsfilme (Krieg, wofür ist er gut?)

Gestern führte der erste „Rogue One: A Star Wars Story“-Trailer zu einem Tsunami aus Tweets, „reagiert auf“-Videoclips und Forendiskussionen. Auch ich konnte mein Wasser nicht halten; twitterte sogleich:

„A Star Wars Story“? Fuck off! Was wir [nicht!] brauchen ist ein Kriegsfilm im Weltall bzw. noch mehr davon. Bitte als Nächstes ein HURTLOCKER-Quasiremake, dankesehr!

„Stormtroopers don’t surf!“

Oder wie wäre es, wenn [zur Abwechslung mal] sprechende Katzen glaubwürdige Konsequenzen hätten? *saugt den Spaß aus dem Pettersson&Findus-Franchise* [Oder wie wäre es mit] „Die Großeltern der Maus. Eine Grüffelo-Geschichte“

[Und] apropos Nebenschauplatz: Starke Frauen™ dürfen mit den abgeliebten Legosets ihrer Väter spielen, jetzt wo die im Pflegeheim sind. Female Empowerment durch Bigbudget-Cosplay.

EASYRIDER, aber diesmal mit Motorradfahrerinnen / TOPGUN, aber diesmal mit Navypilotinnen / STANDBYME, aber diesmal mit Mädchen. #geldregen

Nächtliche Notizen füllten dann doch eine (nun kreuzundquer beschriebene) A4-Seite. Insgesamt also mehr als genug Stoff für einen Blogpost. Nun denn…

Ein Wegwerfsatz des Lauftextes zu Beginn der „Episode 4“ ist offenbar der Aufhänger für „Rogue One“: Die Todessternpläne werden gestohlen werden, wir wissen nur noch nicht, wie der Diebstahl geplant und durchgeführt worden sein wird. Der Spannungsbogen ist allzu künstlich, denn wir wissen ja, wer gewinnt.

Am Spannendsten wird wohl die Jagd nach Unstimmigkeiten und Ostereiern.

Von dieser Logik des vermeintlichen Erzähltwerdenmüssens ausgehend hat nun leider jede in den Originalfilmen erwähnte Begebenheit und sogar jede der Kreaturen in der MosEisley-Spelunke das Potential, auf Spielfilmlänge aufgebauscht zu werden.

Ich meine… Genausogut wäre es möglich, die Figuren im Neuen Testament in vollwertige Charaktere zu verwandeln. Jeder Apostel bekäme ein Prequel und die Korinther eine Spinoffserie. Wozu soll das gut sein? Die Botschaft wird dadurch jedenfalls nicht klarer.

tl;dr: Archetypen und Tropes benötigen keine etablierende 3-Akt-Struktur!

(Einspruch hier: Starwars- oder Marvelfilme sind keine religiösen Schriften, der Vergleich hinkt also. Doch er bot sich an, denn für Sommer 2018 ist ein Lazarus-Film geplant. [citation needed] Followerpower: Sind die Ewokfilme apokryph?)

Insgesamt wird die Dramaturgie geknebelt von Querverweisen und Bekanntem. Noch dazu von ausgedachtem Bekannten. Im ‚echten‘ Kriegsfilm oder Historiendrama ist stets auch ein Lerneffekt eingepreist. Im expandierten SW-Universum sind sämtliche Fakten nutzlos und austauschbar und sollen Merchandisekäufe generieren.

„Rogue One“ wäre bis vor etwa zwölf Jahren maximal als Textdatei oder Lowestbudget-Freizeitprojekt im Internet aufgetaucht. Nun ist die Nerdkultur in der Mitte der Gesellschaft angekommen, alle wollen mitreden und der Goldrausch ist in vollem Gange, die Geldkühe haben pralle Euter, die Geldquellen sprudeln usw. – letzteres Quellwasser kommt übrigens unter anderem durch den Reaktionen-Tsunami zustande, den auch noch der aussageloseste Teasertrailer oder Blogartikel auslöst.

*blickt vielsagend in die Kamera*

Nicht zuletzt kombinieren die neuen Starwarsfilme offensichtlich geldregen-klimpernlassende Frauenpower mit geldregen-klimpernlassendem Kriegsfilmanteil.

Egal, wie gutgemacht Starwarsfilme sind oder wie gendergerecht: es bleiben Kriegsfilme und sie propagieren Gewalt als Lösung. Erschwerend kommt hinzu, dass zu ihrem Selbstverständnis planetenweiter Massenmord gehört und dies alles auf Coolness und sogenannte ’stunning visuals‘ hin inszeniert ist.

Weltraumweiter Krieg ist im Titel des Franchises, okay. Aber das sollte eher ein Zeichen dafür sein, solch ein Franchise im Jahre 2016 fallen zu lassen – oder es doch wenigstens in eine zukunftsgewandtere Sciencefantasy zu verwandeln: Der Wiederaufbau nach einem Sternenkrieg ist als Handlungsbogen konzeptuell weitaus innovativer als das am Ende des Tages immergleiche Statistenschmeißen und Weltenzertrümmern.

Der Look des „Rogue One“ ähnelt allem Dagewesenen. Es ist ein erdfarbenes Ballerspiel und sowas deprimiert mich. Vermutlich haben die vergangenen Starwarsfilme und Egoshooter alle erdenkbaren Szenarien aufgebraucht und jetzt werden deren Sets recycled/zitiert.

Und: Will ich denn nach einem Tag voller Nachrichten über IS-Truppen und pöbelnde Lokalpatriotisten auch noch im Kino sehen, wie geschundene Körper durch die Luft wirbeln und Gewalt als Lösung propagiert wird? Will ich einen Film sehen, der auf mich wirkt, wie einem Schulfreund beim Konsolespielen zuzuschauen?

Der „Rogue One“-Trailer erinnerte mich beispielsweise auch an Bildergalerien über israelische Soldatinnen. Klar sind die tough und jungdynamisch und das alles, aber sie schießen auf Menschen. Keine Ahnung, wieso die kollektive Menschheit sowas unbedingt im Kino sehen möchte. Wollen wir wirklich „Frauen, die ihren Mann stehen“? Sollten unsere Töchter solche Vorbilder haben? Wenn ja, warum also feiert niemand in Blogpostlänge die Soldatinnen aus „Starship Troopers“ als Heldinnen ihrer Kindheit?

(Einspruch hier: Die Heldinnen der Starwarsfilme kämpfen selbstredend alle für die gute Sache. Sie schneiden keine Ohren ab und brennen keine Dörfer nieder. Sie sind moralisch rein. Und schnippisch.)

Insgesamt wäre es übrigens trotz allem spannend, wenn die „Star Wars Stories“ sich tonal vollkommen voneinander unterschieden: Ich möchte EliRoth-Schlock über die ‚Befriedung‘ eines Waldplaneten, eine Teenieklamotte über bongrauchende Jedischüler_innen, ein Dokudrama über den imperialen Büroalltag…

Oder aber nichts von alledem und stattdessen ermunternde, hoffnungspendende Zukunftsvisionen. Es wäre jetzt eigentlich so langsam an der Zeit, unsere Einberufungsbefehle bzw. vorbestellten Tickets zu verbrennen.

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für weiteres Lesen:
Redlettermedia: Top Ten Things YOU Didn’t Know About Darth Vader’s Suit! (EXTREME CLICKBAIT)
„Weltenbau-Wissen: Implodiert die Welt von Harry Potter, weil sie zu groß wird?“ (via realvirtuality)