„True Detective“ Staffel 1 (Ermittlungsarbeit zu einem Filmgenre)

Zweieinhalb in Originallänge geschaute Episoden der ersten Staffel von TRUE DETECTIVE haben mir gereicht. Zudem habe ich in der finalen Folge zu den „Highlights“ durchgespult und schaute schulterzuckend den Showdown. Aber nur, um den anschließenden Dialog der verheilenden Protagonisten um so entspannter fastforwarden zu können.

Weil: All der Stimmungsaufbau und das Hinterlandbewohner-Sittengemälde einzig, damit die Ermittler mit letzter Kraft einen übergewichtigen Serienmörder in Notwehr abknallen? Vielen Dank auch!

Gut okay, mag sein, dass sie dadurch verhindert haben, dass sich das Tor zur Hölle öffnet oder sowas; keine Ahnung, ob das in der vorletzten Episode lang und breit erklärt wird.

Selbst wenn: auch einen mittels Ritualmordopfern geöffneten Höllenschlund sah ich inzwischen zu oft. Und es war bereits in Spielfilmlänge immer die gleiche Formel und immer die selbe Handlung mit anderen Darstellenden und anderen fotogenen Tatorten. (Dunkel erinnere ich mich da zB an END OF DAYS mit Schwarzenegger.)

Offensichtlich wurde seit DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER und SIEBEN kein Neuland erschlossen. Wie oft wird wohl noch eine Autopsie, Zeugenbefragung oder ein zynischer Monolog, ein Drogenproblem und/oder Ehekrach ermittelnder Beamter ins immergleiche farbentsättigte Bild gesetzt werden, bis das Thema durch ist?

Unfassbar für mich sowieso, dass noch irgendein Modus operandi oder verstümmelter Leichnam zu schocken vermag, obwohl sich seit spätestens den frühen Neunzigern komplette Fernsehserien mit Serienmorden und dem dazugehörigen Täter-Profiling beschäftigen.

TRUE DETECTIVE (die erste Staffel wohlgemerkt) wurde mir von etlichen Seiten anempfohlen. Doch die Faszination dieser altbekannten Serienmordfilm-Tropes erschließt sich mir erst recht nicht, weil man sie doch hier auf mehrere einstündige Episoden ausgewalzt hat. Und ich dachte, das würde das letzte bisschen morbiden Fernsehspaß vertreiben. Stattdessen: Hype! Muss(te) man gesehen haben offenbar, diese Serie.

Wollen sich Zuschauer schlecht fühlen, oder besser als andere? Ist das das Faszinierende? Ist es das exotische Setting, also die unzähligen schäbigen Buden, in denen schäbige Dinge geschehen? Reizlos und enttäuschend das vermittelte Menschenbild. Kleinstes Glück ganz ganz unten, zerstört durch ein noch übleres Verbrechen als all die anderen Vorgänge in den schäbigen Buden.

Oder ist es die Originalität der Charaktere? Kann nicht sein, denn auch die sind uns wohlbekannt aus Film und Fernsehfunk: der weltschmerzige Ermittler, die argwöhnenden Kollegen, der Exfreund/Ex-Knacki des Opfers, die viel zu junge Prostituierte, die trauernde Gemeinde, und natürlich auch das messerschwingende fette Stück Scheiße*.

(*Das hier ist die Aussage der Inszenierung wohlgemerkt! Vielleicht wird er nicht mit exakt diesen Drehbuchzeilen beschrieben, doch durch Taten und Auftreten ist der Serienmörder nicht mehr als ein fettes Stück Scheiße, ein „sick fuck“.)

Das Publikum bekommt abgeklärte Monologe, nackte Opfer, Familienprobleme und heruntergekommene Nebenfiguren serviert. Das alles in netten Bildern mit einfacher Kameraarbeit. Zum Schluss wird der Böse abgeknallt und es gibt einen Epilog, the End.

Man fühlt sich in dieser Serie heimisch, weil das und mehr bereits zigdutzendmal gezeigt, nachgeahmt und sogar parodiert wurde; so etwa die tiefgründig geraunten und gemurmelten Dialogzeilen der beiden Hauptdarsteller.

(Übrigens ist ja selbst noch der menschenfeindlichste Monolog mittlerweile Smalltalk-kompatibel, wenn man auf Twitter oder in der Stillgruppe die richtigen Leute kennt.)

Diese Elemente sind also, wie gesagt, längst etabliert und wirken sofort wie Verweise oder schlimmstenfalls Ripoffs vergangener Genrebeiträge.

Mir fielen die Gebilde aus zusammengebundenen Naturmaterialien dabei als aus dem BLAIRWITCH PROJECT übernommenes Motiv sofort ins Auge. Im Finale wird das Vorbild scheinbar sogar überboten; die geheime Basis des Serienmörders mutet an wie ein böser Merzbau. Ungeschlachte Handarbeiten haben, scheint’s, einen hohen Gruselfaktor für Setdesigner.

(Apropos: sicherlich schrieb man bereits Aufsätze über die filmkulturelle Ausschlachtung des Surrealismus sowie sog. Outsider Art – etwa über die Sessel aus menschlichen Skeletten des TEXAS CHAINSAW MASSACRE. Hinweise hierzu bitte in den Kommentaren!)

Idealerweise hätte die erste Staffel TRUE DETECTIVE dem gesamten Genre einen Pflock ins Herz gerammt. Dies war leider nicht der Fall und es werden auch nachfolgende Generationen verstiegene Tatmotive und auf tot geschminkte Statistinnen bewundern dürfen.

Fast bin ich übrigens geneigt, die Einfachheit – bzw. die aus den von mir geschauten Folgen erahnbare Einfachheit – der Handlung als positiv zu empfinden. Vielleicht ist es sogar eine trockenhumorige Genreparodie, ein Spiel mit den hochtrabenden Erwartungen des Publikums. Mag sein. Das ist jedoch kein Grund, mich mehrstündig mit TVTropes zu langweilen.

Überlanges PS:

Vor Kurzem fand ich das Podcast MY FAVORITE MURDER, tat mir aufgrunddessen Fincher’s gutgemachten und recht vorhersehbaren ZODIAC an und sah – erneut, nach vielen Jahren – den perfekten Kriminalfilm DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER.

Meine Erkenntnis aus vielen Jahren des Kriminalfilmkonsums ist unter anderem, dass diese Filme grundsätzlich langweilig sind, wenn sich die Erzählstränge zw. Täter und Beamten erst zum Showdown ineinander verwickeln.

Ein Serienmordfall hat nämlich, so menschenverachtend das auch ist, rein dramaturgisch fürs Publikum erst dann Fallhöhe, wenn die Opfer langanhaltender Teil der Erzählung sind. Tote Prostituierte sind leider selten viel Mitgefühl wert. Und auch DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER wäre ohne die ‚tickende Uhr‘ in Form der entführten Senatorentochter kein perfekter Kriminalfilm, sondern Dutzendware.

Oder anders: reale Serienmordfälle sind selten wirklich filmisch, weil die Opfer relativ kurz mal in der Erzählung aufblitzen und ansonsten nur tot auf dem Tisch liegen. (typische Dialogzeile: „Wir haben eine weitere Leiche!“, gefolgt von Tatortbesichtigung und Autopsie.)

Genauso tut ja der Serienmörder selten etwas Spannendes zwischen seinen Verbrechen, obwohl selbst sein Gang durch den Supermarkt durch unser Wissen um seine Verbrechen an Spannung gewinnt. Womit wir wieder beim stimmungsvollen Leerlauf wären. Noch nicht Suspense; dennoch wichtig, solange man’s mit dem Moodsetting nicht übertreibt.

Zum Filmausklang hin wird der Täter jedenfalls geschnappt bzw. nicht und vor dem Abspann gibt es diesbezügliche Texttafeln.

(Oft genug werden echte Serienmörder übrigens durch Strafzettel oder durch Zeugenaussagen überlebender Opfer überführt, während unsere Helden jahrelang unfilmisch auf der Stelle treten.)

Erdachte Serienmordfälle hingegen sind oft genug auf die Schockwirkung des Modus operandi hin konstruiert, auf den „bösen Tod“. Rein fiktionale Genrebeiträge nutzen die Serienmorde als Spiegel der Seele der Ermittler, als Zerrbild der Gesellschaft o.ä., schlimmstenfalls reineweg als Publikumsköder.

Dies führt meines Erachtens recht schnell zu Exploitationkino ohne echten Tiefgang; führt zu weltschmerziger Gewaltpornografie in schönen Bildern. Nackte weibliche Leichen werden (teilweise wortwörtlich) vollgestopft mit Hinweisen auf die Vergangenheit eines Schwerverbrechers, während den Ermittler die Frau verlässt.

Man zeigt überhaupt gern das zerrüttete Privatleben der Beamten, damit zwischen den Mordfällen irgend etwas Interessanteres geschieht als Akteneinsichten und Gerangel um Zuständigkeiten.

Bei ZODIAC basierte all das auf wahren Begebenheiten und nur dieses Wissen hielt mich wach. Sowas muss ich aber wirklich nicht wieder und wieder in jedem Kriminalfilm gezeigt bekommen. „Drama is life with the dull bits cut out“, meinte Alfred Hitchcock einst. Soviel dazu.